Manchester by the Sea

Regie: Kenneth Lonergan | Darsteller: Casey Affleck, Lucas Hedges, Michelle Williams u.a.
Drama | USA | 2016 | FSK: 12 | 138 min

Casey Affleck erhält den Golden Globe als Bester Darsteller.

Kenneth Lonergans dritter Spielfilm erhebt den Autor und Regisseur hoffentlich endlich über das Urteil Geheimtipp und macht ihn einem breiteren Publikum bekannt. Dass das Drama um einen Mann, der nach dem plötzlichen Tod seines Bruders mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird, schon jetzt als einer der Favoriten für die nächste Oscar-Verleihung gilt, dürfte dabei helfen.

Lee Chandler lebt als Hausmeister für ein paar Wohnblocks in Boston. Soziale Kontakte hat und braucht er nicht. Als er erfährt, dass sein Bruder Joe plötzlich verstorben ist, kehrt Lee in die gemeinsame Heimatstadt Manchester at the Sea im ländlichen Massachusetts zurück. Eigentlich will er nur Joes Angelegenheiten regeln, doch im Testament wird er als Vormund von Joes 16jährigem Sohn Patrick bestimmt. Notgedrungen und widerwillig bleibt Joe somit zunächst in Manchester und versucht eine Lösung zu finden, doch die Erinnerung an ein furchtbares Ereignis aus seiner Vergangenheit belastet ihn schwer.

In Lonergans Kino gibt es keine einfachen Lösungen, keine tränenreichen Streits, die zu dramatischen Versöhnungen führen. Gerade dieser Verzicht auf Pathos, auf flache Emotionen, macht Lonergans Kino, macht „Manchester by the Sea“ so reich und befriedigend. Nicht weil er Dinge auf den Punkt bringt, sondern weil er durch genaue Beobachtung eine Landschaft menschlicher Emotionen entstehen lässt, die in ihrer Vielfalt und Komplexität zumindest in der momentanen amerikanischen Kinolandschaft fast einzigartig ist.

16 Jahre ist es inzwischen her, dass „You Can Count on Me“ in die Kinos kam, das Regiedebüt des damals schon 38jährigen Kenneth Lonergan. Anschließend dauerte es elf Jahre bis der Nachfolger „Margaret“ nach vielen Problemen veröffentlicht wurde und Lonergans Reputation als genauer, sensibler Beobachter bestätigte. Ein Geheimtipp blieb der aus New Yorker stammende Autor und Regisseur dennoch, was zwar bedauerlich ist, aber auch nicht überrascht.
Dass „Manchester by the Sea“ seit seiner Premiere beim Sundance Filmfestival 2016 dennoch als heißer Kandidat für die nächste Oscar-Verleihung gehandelt wird, darf man dem Film nicht vorwerfen. Es deutet vielmehr an, dass Lonergan seine typische subtile Erzählweise diesmal in den Dienst einer Erzählung stellt, die von universeller Qualität ist. Und in der mit Casey Affleck ein hochtalentierter Schauspieler im Zentrum steht, der hier so gut ist wie noch nie.


"MANCHESTER BY THE SEA besticht mit einer Glaubwürdigkeit, wie sie selten im Kino zu sehen ist." Von Martin Schwickert, Sächs. Ztg. vom 18.1.2017
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