Madame Christine und ihre unerwarteten Gäste

Regie: Alexandra Leclère | Darsteller: Karin Viard, Didier Bourdon, Valérie Bonneton u.a.
Komödie | Frankreich | 2015 | FSK: 0 | 103 min

Wegen des harten Winters beschließt die französische Regierung, dass Wohnungslose von denen aufgenommen werden müssen, die genug Platz zur Verfügung haben. Ein luxuriöses Wohnhaus in Paris wird zum Ausgangspunkt einer Geschichte, in der niemand von Spott und Häme verschont bleibt.

Wie man aus sozialem Zündstoff eine leichte Komödie macht, haben die Franzosen in den letzten Jahren mit teilweise grandiosen Filmerfolgen, vor allem aber mit viel Humor und noch mehr Mut zu Kritik und Selbstkritik bewiesen. Der neue Film von Alexandra Leclère („Zwei ungleiche Schwestern“) reiht sich hier nahtlos ein. Im Mittelpunkt der turbulenten Handlung steht das Ehepaar Christine und Pierre, das allein auf ca. 300 Quadratmetern teuersten Pariser Wohnraums lebt. Sie haben eigentlich alles, sind aber aus unterschiedlichen Gründen unzufrieden. Christine nähert sich in Riesenschritten einer höhergradigen postklimakterischen Verbitterung, die durch ihren Mann noch verstärkt wird, falls er nicht sogar dafür verantwortlich ist. Denn Pierre beachtet sie kaum und suhlt sich stattdessen in Vorurteilen und Hasspolemiken, eigentlich gegenüber allen, die anders sind als er. Besonders die junge Nachbarsfamilie Bretzel ist ihm ein Dorn im Auge – ein ziemlich hippes Elternpaar, das sich für alles begeistert, was links oder alternativ oder beides ist. Doch die mehr oder weniger unsichtbare Macht im Hintergrund, die große Strippenzieherin, ist die Concièrge – eine Hauswartsfrau der alten Schule, die sich um alles und jedes kümmert, überall ihre Nase reinsteckt und ihre miese Laune wie den Duft von Kohlsuppe im ganzen Haus verteilt.
In dieses nicht vorhandene Idyll platzt ein Edikt der Regierung: Der harte Winter macht allen stark zu schaffen, am meisten aber den Armen, die sich keine Heizung leisten können bzw. überhaupt keine Behausung haben. Also wird „Le Grand Partage“ beschlossen, was übersetzt so in etwa „Das große Teilen“ heißt: Jeder mit mehr Wohnraum als notwendig, wird verpflichtet, andere mit aufzunehmen. Und es kommt, wie es kommen muss. Das erste, was sich viele Reiche einfallen lassen, ist eine Ausrede, wie man sich vor der Verpflichtung drücken kann. Doch so leicht lässt sich die Obrigkeit nicht austricksen, und bald hält tatsächlich die ungeliebte und mit großem Misstrauen betrachtete Unterschicht in Gestalt von Immigranten, Obdach- und Arbeitslosen Einzug in das schicke Pariser Wohnhaus. Verlierer und Gewinner prallen aufeinander, und schon geht’s rund.

Alexandra Leclère spielt geschickt mit Erwartungen und Klischees. Dabei gehört ihre Sympathie eindeutig denen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Nebenbei geht es auch um die Wohnungsknappheit, die bekanntlich nicht nur in Paris dazu führt, dass sich Menschen, die einen Job haben, trotzdem keine Wohnung leisten können.

Als Christine zeigt Karin Viard eine großartige Leistung. Sie spielt die Frau an der Schwelle zur Altersdepression, die plötzlich ihr Leben umkrempeln muss, mit viel Schwung und Sinn für schwarzhumorige Gags. Didier Bourdon ist als Pierre die boshafteste mögliche Karikatur eines Wutbürgers. Doch Josiane Balasko übertrifft sie alle: Als Concièrge verkörpert sie den Urtyp einer anspruchsvollen Pariser Proletarierin. Sie ist einfach umwerfend komisch, ebenso energisch wie intrigant, ein Fels in der Brandung, stets auf ihr eigenes Wohl bedacht, französischer als ein Baguette, konservativer als de Gaulle, rassistisch bis ins Mark, aber möglicherweise lässt sich ihr steinernes Herz doch irgendwie erweichen.

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