Bauer unser

in Kooperation mit der SoLaWi Schellehof.
Die Solidarische Landwirtschaft Schellehof in Struppen, fördert (klein)bäuerliche, ökologische, marktunabhängige Landwirtschaft und ermöglicht Menschen, regional erzeugte Lebensmittel (Salat, Gemüse, Getreide, Brot, tierische Produkte) zu beziehen, sowie neue Erfahrungs-, Informations- und Bildungsräume zu erleben.

Regie: Robert Schabus
Dokumention/Wirtschaft | Österreich/Belgien/Frankreich | 2016 | 92 min

„Ein Liter Milch ist billiger als ein Liter Mineralwasser.“
Nach „We feed the World“ und „More than Honey“ präsentiert der österreichische Produzent Helmut Grasser abermals einen Dokumentarfilm, diesmal über die drängenden Probleme der Landwirtschaft. Die Bilanz der gut beobachteten Bestandsaufnahmen von idealistischen Biobauern über mächtige Funktionäre und ausgewiesenen Experten bis zu konventionellen Erzeugern fällt eindeutig aus: So kann es nicht weitergehen! Das Thema geht alle an - und scheint tatsächlich viele zu interessieren.

„Ein Liter Milch ist billiger als ein Liter Mineralwasser.“ bringt ein Wissenschaftler gleich zum Auftakt die Problematik der modernen Agrarwirtschaft auf den Punkt. „Da geht es um ein Milliardengeschäft“, fügt ein Politiker hinzu. „Es geht alles auf Kosten der Bauern“, sagt schließlich ein Betroffener. Dass die Landwirte seit jeher ein Klagelied über ihre Lage anstimmen und von einer mächtigen Lobby vertreten sind, ist bekannt. Tatsächlich befindet sich die moderne Agrarwirtschaft in einer großen Krise, von artgerechter Tierhaltung über die Macht der Futtermittelkonzerne bis zum geringen Milchpreis.

Am Beispiel von sechs ganz unterschiedlichen Betrieben, präsentiert Regisseur Robert Schabus, selbst in der elterlichen Landwirtschaft groß geworden, den Stand der Dinge bei den Erzeugern. Da ist etwa der Jungbauer mit 130 Milchkühen. Er muss ständig in neue Technik investieren, derweil seine Einnahmen kaum wachsen. Seit die EU im vorigen Jahr die Quotenregelung zur Milch-Produktion gestrichen hat, sank der Erzeugerpreis um 25 Prozent. Der Druck der Marktketten ist enorm. Die Kunden wären theoretisch zwar bereit, faire Preise zu bezahlen. In der Praxis jedoch, so weiß ein Experte, griffen sie dann doch meist zum billigsten Produkt an der Kühltheke: „Die kognitive Dissonanz des Konsumenten“ nennt sich dieses Phänomen.

Für Eierbauer Franz Tatschl ist der Beruf auch längst nicht mehr das Gelbe vom Ei. Seine 65.000 Legehühner leben in artgerechter Bodenhaltung, was bei der Konkurrenz in Osteuropa trotz aller EU-Vorschriften längst nicht überall der Fall wäre. Mastbetriebe klagen gleichfalls über Chancenungleichheit, weil in den USA die Tiere mit eingepflanztem Hormonchip im Ohr zu viel schnellerem Wachstum getrieben werden. Wachstum gerät auch für etliche Bauernhöfe zur Maxime, weil der Betrieb sonst nicht mehr rentabel bleibt.

Es geht auch anders, das zeigen die Beispiele der Bio-Bauern. Die setzten auf Vielfalt in der Produktion sowie die Direktvermarktung. Sie melken ihre Schafe noch selbst mit der Hand und sind, weit entfernt von alternativer Hippie-Idylle, sichtlich stolz auf ihren Beruf.

Zwischen diesen persönlichen Fallbespielen kommen immer wieder Experten zu Wort. Von Wirtschaftsvertretern über Politiker bis zu kritischen Wissenschaftlern. Deren Aussagen bleiben unkommentiert dem Urteil dem Zuschauer überlassen. Da schwören der Molkereichef oder der Landwirtschaftsminister stur auf die Macht des Marktes. Kritischer fällt die Bilanz eines Forschers aus: „Die ganzen österreichischen Schinken sind im Grunde genommen Brasilianer, weil sie zum größten Teil aus brasilianischem Soja bestehen“, gibt er zu Protokoll. 40 Prozent der derzeit weltweit in der Landwirtschaft produzierten Kalorien würden verschwendet oder gingen irgendwo auf dem Weg zwischen Produzenten und Konsumenten verloren, so die bittere Bilanz. Damit nicht genug der erschreckenden Statistik: In Europa schließen jährlich 350.000 Bauernhöfe.

Regisseur Robert Schabus setzt bei seiner Doku, ziemlich bauernschlau, auf eine teilnehmende Beobachtung der unaufgeregten Art statt auf die polemische Schlachtplatte. Er überlässt seinen Akteuren das Wort. Die erweisen sich rundum als überaus interessante Gesprächspartner. Wobei ein bekanntes Sprichwort vielleicht etwas umgepflügt werden müsste: „Die dümmsten EU-Politiker haben die dicksten Lobby-Kartoffeln”.

Dieter Oßwald

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