Körners Corner - schreiben über Film


30. Januar 2026

Aus dem (Schul-)Kino geplaudert

Seit den Neunzigern macht Kino auch in Dresden Schule. Und ich mach’ mit, moderiere sachsenweit Filmgespräche, konzipiere und gebe Workshops für Kinder und Jugendliche, versuche, die eigene, triebhaft ausgelebte Liebe zu Film und Kino in einen unsichtbaren Staffelstab zu packen und weiterzureichen. Corner jr. - so könnte man es nennen.
Wir ahnten schon zeitig, dass Schulkino wichtig werden und beiden Seiten sogar Spaß machen könnte. Der im Kulturkraftwerk Mitte residierende Objektiv e.V. ist längst zur anerkannten Säule dieser Art Medienbildung gewachsen. Es gibt in vielen Lichtspielhäusern regelmäßige Angebote, längst erweitert und ergänzt mit Festivals wie dem herbstlichen KINOLINO, den SCHULKINOWOCHEN im Frühjahr oder temporär aufploppenden Aktionen wie FAIR PLAY, CINÉFĚTE oder jüngst dem AUGEN-AUF-KINOTAG zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar. Übrigens sollte dieser Tag ein Gedenktag für a l l e Opfer sein, doch weiterhin spricht kaum ein Offizieller, nicht mal der Bundespräsident, mit offenem Herzen über Hunderttausende ermordete Homosexuelle, psychisch und physisch Kranke, Kommunisten, Männer, Frauen, Kinder verfolgter Volksgruppen. Ein Film wie NEBEL IM AUGUST, immerhin schon von 2016 und jetzt wieder aufgeführt, hat es getan.
In der vergangenen Woche war ich also im Einsatz und ich will aus der Schule plaudern. Vor allem, um der Leserschaft dieses Blogs Mut zu machen, falls sie im pädagogischen Terrain arbeiten oder Menschen kennen, die es tun. Es lohnt unbedingt, sich mit Schulklassen in ein Kino eigener Wahl einzumieten und Unterricht als Nicht-Unterricht zu veranstalten, auch fernab von Projekttagen. Es mag etwas mehr Mühe machen in der Vor- und Nachbereitung, denn man sollte genau hinschauen und sich den jeweiligen Film vorab besorgen, ja, aber das Erlebnis und Ergebnis für so viele ist zumeist überraschend.
Die Jugend genießt es, wenn sie mal rauskommt und dann kein Lehrer vor ihr steht. Kino greift mit seinen bewährten Mitteln und Effekten an, erwärmt das Herz, fordert heraus, lässt streiten, lachen, baff werden. Nachdenken! Ich hatte 320 Jugendliche in THE ZONE OF INTEREST, fast 200 zu NEBEL IM AUGUST, die Säle waren sehr heterogen besetzt mit Gymnasien, Oberschulen, Förderklassen. Natürlich kamen auch die Klassenclowns mit, die Aufdreher und all die Schüchternen und Verzagten. Dazu viele mutige Lehrerinnen und Lehrer und solche, die nur „mit“ mussten“. O-Ton einer Betreuerin: „Ich weiß gar nicht, warum wir hier sind!“. Letztere sind die Ausnahme, auch das sei vehement verkündet. Die anderen trauen ihren Schutzbefohlenen etwas zu, eben 103 Minuten Film über die Normalität eines Massenmörders oder 124 Minuten über Euthanasie. Doch, wer könnte es vergessen: Es gibt so immens viel leichtere filmische Kost mit Anspruch und Qualität, die, mit Augen und Ohren verspeist, das Intellekt nicht unterfordern muss.
Während politisch zu viel auf uns alle „eingeblablabla’t“ wird (O-Ton Karl Markovics im bald startenden, ziemlich launigen SIE GLAUBEN AN ENGEL, HERR DWORAK?) - von wegen Gewaltprävention, Medienkompetenz, Wertevermittlung, Demokratiestärkung - packen Filme direkt ans Schlafittchen. Und jene, die sie zeigen, packen an. Sie trotzen massiv beschlossenen Etatstreichungen, fahren ihre Programme nur leicht herunter und bleiben im Standby-Modus. Natürlich verliert das Kino als Abspiel- und Gemeinschaftsort für junge Menschen in ihrer Freizeit, fernab von Extrawürsten, Avataren und Manitus, immer mehr an Bedeutung. Ich frage vor jeder Schulkinoveranstaltung, für wen der Gang ins Lichtspieltheater noch zum Alltag gehört und die gehobenen Arme werden weniger und weniger. Ja, und? Deshalb aufstecken oder besser kämpfen? Die richtige Antwort ist völlig alternativlos.

Post für Andreas Körner