31. August 2026
Die Überschrift wäre anderswo einfach nur despektierlich. Im Falle von Wolfgang Kohlhaase aber ist sie fast schon tröstlich. Der legendäre Drehbuchautor, damals 91, war am 4. Oktober 2022 in der voll besetzten Speiches Rock & Blues Kneipe im Berliner Prenzlauer Berg zu Gast. Eine Lesung ist angesetzt, Kohlhaase soll aus seinem Erzählband „Erfindung einer Sprache“ vortragen sowie aus seiner Autobiografie „Um die Ecke in die Welt“. Er hat Verstärkung dabei, die Schauspielerinnen Bastienne Voss und Inés Bredow. Es gibt auch ein Interview. Im Rockradio kann man diesen Teil des Abends noch nachhören. Nach der Veranstaltung geht man im kleinen Kreis essen und noch ein Glas trinken oder zwei. Kohlhaase isst Schnitzel, gönnt sich einen Wein oder drei. Später, sagt seine Frau Emöke Pöstenyi, sei er in der Berliner Wohnung glücklich eingeschlafen. Und nicht mehr aufgewacht.
Immer wieder marmorieren Erinnerungen an jene Gäste der Corner das alltägliche Tun, die seit Beginn der Gesprächsreihe – das war vor fast genau 15 Jahren – verstorben sind. Neben Wolfgang Kohlhaase sind es der für Dresden legendäre Kinobetreiber Frank Apel, Legende Nr. 3 in Gestalt des tschechischen Schauspielers und Regisseurs Jiři Menzel, Legende Nr. 4 namens Michael Gwisdek sowie eine Frau, die den Status einer Legende wohl nie hätte einnehmen wollen, schon zu Lebzeiten aber außergewöhnliche Anerkennung genossen hat: Casterin Simone Bär. Die Erinnerungen werden stärker, wenn im PK Ost wieder eine neue Staffel mit Filme vom Abschied ansteht. Jetzt im September zum Beispiel mit drei neuen Werken. Kooperationspartner ist der Landesverband für Hospizarbeit und Palliativmedizin Sachsen e.V., der im Anschluss an die Vorführung Gespräche organisiert. Die Filme selbst standen zumeist vor Monaten oder Jahren im regulären Tagesprogramm und werden für die Reihe noch einmal in einen konzentrierten Kontext gestellt. Es gibt aber auch Erstaufführungen. ICH STERBE. KOMMST DU? von Benjamin Kramme beispielsweise ist im vorigen Jahr leider großflächig „durchgerutscht“ und hat es allein aufgrund der famosen Leistung von Hauptdarstellerin und Co-Drehbuchautorin Jennifer Sabel alles andere als „verdient“. Sie spielt Nadine, eine junge Frau und Mutter eines Sohnes, deren Tage spürbar gezählt sind. Von daheim geht sie ins Hospiz. Begleitet und dennoch allein.
DIE UNENDLICHE ERINNERUNG reist als Liebes- und Dokumentarfilm nach Chile, hin zum Ehepaar Augusto Góngora und Paulina Urrutia und ihrer starken Gemeinsamkeit beim Umgang mit Augustos Alzheimer-Erkrankung. Der Journalist und die Schauspielerin werden von Regisseurin Maite Alberti schlicht beobachtet, Paulinas Homevideos der letzten Jahre helfen dabei. Sie zeigen berührende Momente einer Alltäglichkeit. Solche sind auch in VIER MINUS DREI des Österreichers Adrian Goiginger zu sehen. Immer wieder. Die Szenen durchbrechen den Realismus, denn in der zweiten Erzählebene fehlen eben drei von vier Menschen einer jungen Familie. Was noch zu sagen wäre, steht in der schriftlichen Corner vom 22. April dieses Jahres …
Dieser Tage gibt es noch zwei Filme zu sehen, die im weitesten Sinne Filme vom Abschied sind, wo schon Jacqueline Jansens SECHSWOCHENAMT in diesem Kinojahr für Aufsehen sorgte, bestätigt beim Besuch der Regisseurin in der Corner. Zur Dresden-Premiere von EINE KRANKHEIT WIE EIN GEDICHT kommt Regisseurin Jelena Ilic ins Ost. Sie hat einen sehr persönlichen, fast intimen Film gedreht, der auf berührende Weise ein Vater-Tochter-Verhältnis einfängt und das vor dem Hintergrund schwerer und vor allem unberechenbarer Psychosen. Bevor die große Dagmar Manzel im Oktober an der Seite von Joachim Król in Andreas Dresens neuem Streifen ALTE LIEBE zu sehen ist, spielt sie die Hanne in Welf Reinharts Debüt DER VERLORENE MANN. Der dem Film den Titel gab, ist Kurt, Hannes geschiedener Mann. Klingelt an der Tür, sagt, er habe die Schlüssel vergessen und drängt wie selbstverständlich in die Küche. „Was machst du hier?“, fragt Hanne, vom Blitz gestreift. „Tee mach’ ich hier!“, antwortet Kurt. „Hanne, wer ist das?“, staunt Hannes Ehemann Bernd einen Bauklotz ins Zimmer. Den Ex seiner Jetzt hat er noch nie gesehen, Hanne traf ihn vielleicht zweimal in 20 Jahren nach der Scheidung. Das mit der Scheidung wäre allerdings noch zu klären, Kurt weiß nichts davon. Nicht mehr. Alzheimer nagt die Erinnerungen weg. Manche.
Gibt es einen „schönen Tod“, wie der Volksmund vollmundig schwärmt? Wenn es meint, er käme ohne Leiden über die Menschen, dann wohl schon. Wie bei Wolfgang Kohlhaase. Und die, die überleben, gehen ins Kino, wo in wirklich guten FILMEN VOM ABSCHIED Trost wartet, Anteilnahme, Mitgefühl. Von der Leinwand hinab und in den Stuhlreihen.
Bastienne Voss hat übrigens ein sehr schönes, weil persönliches Porträtbuch über ihren Freund geschrieben: „Wolfgang Kohlhaase: Von Solo Sunny bis Sommer vorm Balkon – ein Leben wie ein Film“ (Ch. Links Verlag).