14. Juni 2024
Falls wer den längst zum Slang gereiften Begriff vom „Jetzt singt sie auch noch“ benutzen mag: Für die Engländerin Samantha Morton wäre er falsch. Denn mit Musik hatte es die Schauspielerin immer schon - direkt und indirekt, als frühe Sehnsucht und nicht zu späte Erfüllung. Bereits 1997 performte sie „Alone Again“ in Carine Adlers „Under The Skin“ und nicht nur, weil ihre Figur der jungen Iris Kelly auf der Bühne eines Clubs zu stehen hatte. Für U2 spielte sie 2002 in Anton Corbijns Clip zu „Electrical Storm“ mit, für Alison Mosshart und Jamie Hince alias The Kills drehte sie 2011 als Regisseurin ein sehr feines Video zum nicht minder feinen Song „The Last Goodbye“.
Und da wären noch Rollen in Filmen, die mit Musik zu tun hatten. Samantha Morton schlich sich nachdrücklich ins Cineasten-Bewusstsein als stumme Hattie in Woody Allens 1999er SWEET AND LOWDOWN an der Seite von Swing-Gitarrist Emmet Ray (Sean Penn). 2007 gab Morton dann Deborah Curtis, die Frau von Joy-Division-Frontmann Ian Curtis, für Anton Corbijns CONTROL. Vielleicht hatte sie dort schon in Kopf und Seele, dass es irgendwann einmal von ihr eine eigene CD geben würde. Irgendwann ist genau heute, Freitag, der 14. Juni 2024. „Daffodils & Dirt“ von Sam Morton erscheint und es ist eine grandios gute Platte geworden.
Wichtig zunächst: Sam Morton ist keine schlichte Abkürzung für die Protagonistin, Sam Morton versteht sich als Duo, denn die zwölfteilige Songsammlung entstand gemeinsam mit Richard Russell, den tiefsitzende Musikfreunde als einstigen Talentesucher und Miteigentümer von XL Recordings in London, eher aber als Produzent von Bobby Womack, Ibeyi, Peter Gabriel und Gil Scott-Heron oder kreativ-künstlerischen Kollaborateur von Blurs Damon Albarn kennen dürften. Die zunächst auf zwei Jahre angelegte Zusammenarbeit mit Samantha Morton offenbart jetzt vor allem eines: pure Begegnungslust.
„Daffodils & Dirt“ ist angefüllt mit Pop in Spektralfarben von Hip Hop bis Gebet und Ballade, von synthetischen House-Beats hin zu irrlichternden Saxophon- und Klavierspuren: verwittert, brüchig, mystisch und subtil mit eindeutiger Liedstruktur, dann frei und experimentell, um wieder ins Klare und Transparente und dann doch Vernebelte zu fließen, tanzbar, erfahrbar und auch denkbar. So wie es der Albumtitel wohl meint – Narzissen und Dreck. Kurzum: Sam Morton und Richard Russell haben ein textlich-musikalisch wohlfeiles wie sinnlich durchtriebenes Kunstwerk erschaffen.
Samantha Morton spricht, rezitiert, atmet, haucht, modelliert, singt traumwandelnd, sphärisch wie erdverbunden. Und die Lyrik? Ist ein Film! Basierend auf Fragmenten, Skizzen und biografischen Elementen eines schwierigen Aufwachsens im Nottingham der Achtziger erschafft Samantha Morton eine, wie sie sagt, Erzählung von sich: „Einige dieser Dinge sind autobiographisch, aber andere sind es nicht. Ich teilte sie mit Richard und er ergänzte sie oder nahm etwas weg, fand etwas Neues darin. Es ist also nicht so: Dies ist meine Vergangenheit und ich singe darüber. Nein. Die Sache ist in Fiktion verwandelt. Wo auch immer ich gerade unterwegs war, folgte ich einfach einem Bewusstseinsstrom, sobald mich etwas triggerte. Alles, was Richard jemals von mir bekam, war weder zu Ende gedacht, noch geplant, bearbeitet oder analysiert. Es ging einfach so raus. Aber es landete alles in einem großen Topf als Hexenkessel aus Energie, Vibes und Worten. Dann wurde ich dazu eingeladen, kreativ zu sein. Auf eine Weise allerdings, auf die ich noch nie eingeladen wurde. Es fühlte sich an, als sei ich mein Leben lang zum Schweigen gebracht worden und dann sagte jemand zu mir: Du darfst nun sprechen.“
Und vor allem singen. Nach dem Hören dann sieht man Samantha Morton im Kino, zuletzt gab es in Maria Schraders SHE SAID und Darren Aronofskys THE WHALE Gelegenheit dazu, noch einmal anders. Ein wenig vertrauter.
Sam Morton, „Daffodils & Dirt“ (XL Recordings)