12. April 2024
Bei einem wohltemperierten Chianti im Dorf-Ristorante, beim Biss in die knackige Olive oder den zartschmelzenden Ziegenkäse kommen wir Mitteldeutschen nur gar zu leicht ins Schwärmen. Das Licht hier! Die Alten, schau‘! Die Bambini, ach! Und die Häuser, der Putz, wie er bröckeln darf! Italien lohnt das Reisen sehr. Mit verklärtem Blick noch mehr, und hinter all die „Vendesi“-Schilder an stumpfen Fensterscheiben muss man ja nicht unbedingt steigen, nicht in zwei Wochen Urlaub. Landflucht, Stadtdreck, soziale Brenngläser, per favore, haben wir doch auch! Und jetzt sogar das Wetter.
Nun begibt es sich mithin seit 13 Jahren, dass die Tage nicht enden wollender, italienisch anmutender Sommer mit Filmen von dort beginnen, die ihresgleichen suchen und auf lange Zeit nicht finden werden. Es sind die Filme von Alice Rohrwacher, bislang vier an der Zahl. Das Debüt 2011, FÜR DEN HIMMEL BESTIMMT (CORPO CELESTE), suchte man auf unseren Leinwänden noch vergeblich, doch schon mit LAND DER WUNDER (LE MERAVIGLE) drei Jahre später war es anders und mit GLÜCKLICH WIE LAZZARO (LAZZARO FELICE) von 2018 erst recht. Das italienische Kino hatte endgültig eine neue profunde und mutige Regisseurin gefunden, ein nächstes Unikat, das an andere, sehr gern frühere Italo-Meister erinnern mag. Alice Rohrwachers fantasievolle Filme scheinen in ihrer formvollendeten Erscheinung so einzigartig, dass man selbst nur noch glücklich sein wie Lazzaro oder staunen möchte. Wie war das doch gleich mit dem Kino und dem Staunen?
Alice Rohrwacher hält sich nicht beim Verbeugen auf. Ihr Mut, die Leinwand mit epischen Momenten zu füllen, mit märchenhaften Elementen zu verfeinern, klar christliche und historische Motive zu variieren und dennoch mit weltlicher Wahrhaftigkeit vom Heute zu erzählen, ist so bewundernswert wie nachdrücklich. Was ein wenig nach Überfrachtung klingt, ist nur eine klare Linie. Was verspielt anmutet, ist Leichtigkeit. Rohrwachers Werke arbeiten bewusst und offensiv mit kleinen Entdeckungen und Verstörungen, Verästelungen und Rätseln. Bei ihrem neuesten, LA CHIMERA ist es nicht anders. Im Gegenteil.
Wobei der Filmtitel diesmal mehr als allegorisch ist. Denn das balladeske Leinwandstück ist selbst eine Chimäre, ein stilistisches Mischwesen, das munter analoge Formate wechselt (35mm, 16mm, Super 16), von Kamerafrau Hélène Louvart in grandiose Bilder getaucht wird und mit den Landschaften von Latium und der Toskana förmlich verschmilzt. Dass es die 80er sind, in denen Alice Rohrwacher, Tochter eines Deutschen und einer Italienerin, LA CHIMERA spielen lässt, wird nicht explizit herausgestellt. Und auch der launische Witz dieses wundersamen Menschenbündels vom Lande, angeführt von Arthur, dem Engländer mit der Wünschelrute, der mit Einheimischen etruskische Gräber plündert und Ton, Steine, Scherben verhökert, kommt eher still, aber stets spürbar daher.
Es ist so schön wie gesetzt, dass Alices zwei Jahre ältere Schwester Alba Rohrwacher hier wieder eine Rolle bekommt. Es ist so überraschend wie berührend, auch die große Isabella Rossellini (71) wiederzusehen. Und es ist beruhigend, dass es weiterhin europäisches Kino gibt, das sich fernab von reinen Befindlichkeitsritualen nicht allein um sich selbst und das flott zu Dechiffrierende handelnder Personen kümmert. LA CHIMERA – ein Ereignis!