Körners Corner - schreiben über Film


17. März 2024

Fülle der Hülle: Pink Floyd & Die Ikonen der anderen

Sie haben noch einen Plattenspieler daheim oder vielleicht wieder? Sie empfinden gar seltsame Gefühle schon beim Greifen der Hüllen? Das könnte an den Hüllen liegen. Gerade habe ich zum Beispiel das klanglich formidabel remasterte Vinyl der vor fast genau 51 Jahren erschienenen Pink-Floyd-Platte „The Dark Side Side Of The Moon“ wieder in den Händen gehalten, aufgeklappt (Wer die Amiga-Lizenz hat: Nein, das war natürlich nicht die Originalverpackung!) und – es hat gekribbelt. Natürlich hat es das! Tiefes Schwarz wabert um ein Prisma, dort bricht sich der Lichtstrahl in Spektralfarben, beim Aufklappen wird eine Art Oszillatorlinie daraus, um beim Schließen wieder ins gekippte Prisma zu verschwinden und sich, erneut gebündelt, mit sich selbst zu vereinen. Eine Ikone! Kult! Zeitlos! Übrigens gebe ich die Platte trotzdem ab, dazu am Schluss dieses Blogtextes mehr.
Erschaffen hat das „Moon“-Cover die hoch kreative, bisweilen übers Ziel hinaus schießende, am Ende aber höchst einflussreiche Grafik- und Designagentur Hipgnosis aus London. Aubrey Powell & Storm Thorgerson waren 1964 zunächst zwei Fremde, dann Kumpels, Freunde, Mitwisser, ab 1967 führende Köpfe einer eigenen Kunstform. Am Ende ihrer Zusammenarbeit in den Achtzigern sollten es über 400 Cover sein, die aus dem Hause Hipgnosis kamen, außergewöhnlich viele davon haben sich in die Gebrauchserinnerung des globalen Vinylfreundeszirkels eingeschweißt: Led Zeppelin, Peter Gabriel, Genesis, The Nice, 10cc - Pink Floyd freilich sehr zentral. Ist alles nachzusehen, nachzulesen, nachzukaufen. Jetzt hat Anton Corbijn einen sich verneigenden Dokfilm über Hipgnosis, die Gegangenen und Überlebenden erschaffen: SQUARING THE CIRCLE. Corbijn, als fliegender Holländer, Fotograf, Art-Chef und Videoregisseur selbst in der Musikindustrie unterwegs und Urheber sehr feiner LP-Hüllen, wollte zuvorderst eine Hommage. Mit brillanter, vorwiegend schwarzweißer Ästhetik, üppigen Archivplünderungen und aktuellen Interviews ist es ihm gelungen.
Meist launig sind die Episoden, Geschichten, Schwänke und Anekdoten, die ihm u.a. Floyds Roger Waters, Nick Mason und David Gilmour (selbstredend nicht zusammen!), Peter Gabriel, Jimmy Page, Robert Plant und Paul McCartney über ihre Begegnung und Arbeit mit Powell & Thorgerson berichten und beichten. Anton Corbijn setzt die alten Männer entsprechend in Szene. Den Hypgnosis-Überlebenden Aubrey „Po“ Powell, heute 77, lässt Corbijn als Klammer über einen Friedhof laufen, auf dem Rücken trägt er in einer fulminanten Kladde die alten Entwürfe. Powell wird zur Säule des Films, weil er wunderbar „schwätzen“ kann. Storm Thorgerson ist zwar schon elf Jahre tot, sekundiert trotzdem ausführlich.
Wie kam das fliegende Schwein zwischen Industrietürme, was sollte die Kuh auf „Atom Heart Mother“, das Schaf auf der Couch am Meer? Warum brannte der Mann für „Wish You Were Here“ wirklich? Wie wurde aus den Wings eine „Band On The Run“? Warum hat Noel Gallagher Hipgnosis nicht beschäftigt? Stimmt es, dass die beiden Designerköpfe durchaus auch Halunken waren und „so arrogant“ wie Led Zeppelin („Das hat uns gefallen!“, Zitat Robert Plant)? SQUARING THE CIRCLE gibt Antworten und unterhält die Freunde der gediegenen Populärmusik im Kino prächtig.

VERLOSUNG: Wir vergeben ein Exemplar von „The Dark Side Of The Moon“ auf Vinyl sowie ein von Anton Corbijn signiertes Plakat zu SQUARING THE CIRCLE. Interessenten schreiben bitte bis 31. März 2024 eine Mail an Post für Andreas Körner. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Kinos, die den Film in Dresden spielen, sind unter www.kinokalender.com zu finden.