29. Juli 2024
Nimmt man – was sehr oft ein Fehler ist – Rollen von Schauspielerinnen und Schauspielern als Verweis auf deren echtes Leben, müsste man sich um Peter Kurth ernsthaft Sorgen machen. Da ist auf Arbeit sehr viel Scheitern dabei, noch mehr Alkohol, nicht wenig kriminelle Energie und manch eine Krankheit. Kurth ist damit 67 geworden und alle seine ungezählten Fans und Bewunderer hoffen, er wird so richtig alt auf diesem Wege. Rückblickend ist die Tatsache wohl kaum zu glauben, dass Peter Kurth erst zehn Jahre davon mit prägenden Charakteren im Kino zu finden ist.
Geboren und aufgewachsen ist der Tierarztsohn in Mecklenburg-Vorpommern, genauer in Güstrow und Goldberg. Goldberg übrigens bezeichnet er gern als Drei-Lügen-Stadt: Kein Gold, kein Berg, keine Stadt. Im Norden der DDR hat er bis 1981 dann auch studiert, an der Rostocker Schauspielschule, unmittelbar bevor sie der Berliner „Ernst Busch“ angegliedert wurde. In Leipzig hatte man ihn nicht genommen, was sich später rächen sollte. Für Leipzig. Denn dort fand Peter Kurth in Schriftsteller Clemens Meyer und Regisseur Thomas Stuber zwei Brüder in Geist und Tat, die enge Freundschaft und großartige Kunst verbinden sollte. Die „Stichfilme“ heißen HERBERT (2016), IN DEN GÄNGEN (2018), DIE STILLEN TRABANTEN (2022). Und wenn es einmal nicht die Filme als solche sind, die zu überzeugen wissen, dann bleibt immer noch er mit seiner Kraft in Statur und Präsenz.
Peter Kurth spielt(e) zudem Theater in Magdeburg, Stendal, Karl-Marx-Stadt, am Hamburger Thalia-Theater, Berliner Maxim-Gorki-Theater und dem Staatstheater Stuttgart. Auch ist er ein veritabler Sänger, wobei es gern mal doppelt klappen darf wie in Daniel Brühls Regiedebüt NEBENAN (2021). Als Bruno Wolter, Oberkommissar der Sittenpolizei und Gereon Raths Chef, war Kurth zudem in den ersten beiden Staffeln der Serie BABYLON BERLIN zu sehen. Das Regie- und Drehbuchtrio Tom Tykwer/Henk Handloegten/Achim von Borries fand es extrem schade, ihn sterben zu lassen und es lag unbedingt auch daran, wie Peter Kurth diesen durchtriebenen Kerl verkörperte. Er musste nur Platz machen für die Erweiterung des Rollenreigens.
Aktuell oder bald sind zwei Streifen in den Filmtheatern des Landes zu sehen, die ohne Peter Kurth immens viel einzubüßen hätten. Neben Charly Hübner, Jördis Triebel und Jan Georg Schütte ist er in MICHA DENKT GROSS ein desillusionierter Bauer in Sachsen-Anhalt, während er in Natja Brunckhorsts Komödie ZWEI ZU EINS einen famosen Anarchisten gibt, der 1990 als geübter DDR-Bürger dem nahenden Kapitalismus kräftig auf die Pelle rückt. Ihm gehört dort eine der besten Szenen. Für jene, die den Film schon gesehen haben: Es ist die, in der er als obsessiv trinkender, also schleichender Selbstmörder Markowski einem BRD-Bundesbankgewaltigen gegenübersitzt und einen grandiosen Dialog führt. Markowski: „Wir haben dem Staat die Macht genommen, die Geldmenge zu kontrollieren.“ Bundesbanker: „Das kann kippen.“ Markowski: „Das kann Inflation geben.“ Bundesbanker: „Sie wussten das?“ Markowski: „Ja, ich fand das interessant.“
Als Peter Kurth 2018 zu Gast in Körners Corner – reden über Film war, erlebten wir einen großartigen Erzähler, lakonischen wie warmherzigen Typ, einen, der irgendwie so war wie gerade auf der Leinwand gesehen. Manchmal passt es eben doch.
Post für Andreas Körner