17. August 2026
Hui, die is’ schwierig! Mann, stellt der sich an! Unter Journalisten grassieren, übrigens seit es die Gattung gibt, sehr gern verbale Kettenbriefe, die von komplizierten Gegenübern künden. Mit denen kaum zu reden sei. Die Widerhaken lieben. Die nicht gnadenlos dampfplappern und eloquent den Fragesteller zutexten mit Dingen, die er gar nicht wissen will. Die sind dann schwierig, die stellen sich an! Nach weit über 30 Dienstjahren würde ich am liebsten zurückfragen: Warum ist das so? Und: Stimmt es wirklich?
Aus der Berufsschule geplaudert, ja, es gibt sie wirklich, die etwas holprigen Interviews. Doch, warum sollte es nicht so sein? Warum soll es immer einfach sein? Mit Götz George (dereinst Ranglistenerster der Unberechenbarkeit) war es wunderbar, mit Katja Riemann (führte lange die weibliche Liste an) nicht minder, das Gespräch mit John Malkovitch jedoch hätte ich eins zu eins lieber mit meiner damaligen Hauskatze Ronja geführt. Und Corinna Harfouch? Unter Kollegen ebenfalls nicht gerade gepriesen als Zugänglichste unter den Schwierigen. Wir hatten ein sehr lebhaftes Gespräch zu Matthias Glasners IS THIS LOVE (2009) mit anschließendem Schriftverkehr und nur aus dem Grunde, dass sich Frau Harfouch in einigen Dingen missverstanden und zu offen gefühlt hatte, speziell im Reflektieren vergangener Aspekte im untergegangenen Land. Hintergrund ist der, dass ihr in den ersten Nachwendejahren gerade von weiter westlich residierenden Journalisten übel dreingespielt wurde, dass sie reduziert und bewusst missverstanden wurde, dass ihre knappe, klare Sprache als Übellaunigkeit ausgelegt wurde. Corinna Harfouchs Standby war in öffentlichen Interviews fortan die Habachtstellung.
2019 kam sie mit LARA in die Corner (Feiner Fakt: Mit Corinna Harfouch, Michael Gwisdek und ihrem gemeinsamen Sohn Robert als Gäste ist es die Vorzeigefamilie schlechthin in dieser Reihe). Mich sprechen heute noch Stammbesucher auf diesen Abend und die beobachtete Tatsache an, dass wir beide miteinander gerungen hätten. Zugegeben, mein Hemd war klitschnass danach. Herrlich! Es war eine Herausforderung, wahrlich, vor allem auch, weil die Aggregatzustände in 90 Minuten gefühlt zehnminütig wechselten. Es geht ja nie ums „Gewinnen“, nie ums „Bekommen“, „Überführen“, „Klarstellen“, es geht um Erkenntnisgewinn für die im Saal und mindestens um einen niveauvollen Unterhaltungsfaktor. Vor allem aber geht es um gute Filme. Mit „Lara“ Harfouch war es dann doch noch sehr gut. Fand ich, spätestens als wir klären konnten, dass wir dereinst in Becherwurfnähe zusammen in Dresden-Seidnitz gewohnt haben…
Apropos Filme: CH kommt dieser Tage gleich mit zwei neuen ins Kino und zeigt nachdrücklich, weshalb sie Schauspielerin geworden ist und nicht Talkshowgast. IM SPIEGEL MEINER MUTTER (läuft bereits) und KALTER HUND (Start am 17. September) bringt alle Harfouchschen Facetten auf die Leinwand. Hier das sehr ernste, eher verinnerlichte Spiel als Archäologin mit Moorleiche, junger Wiedergängerin (Carla Juri!) und jüngst verstorbener Mutter (Hildegard Schmahl!), dort mit den Registern schwarzen Humors als Zweitfrau eines Patriarchen, der just am Morgen seines 100. Geburtstag aus dem Leben scheidet und die Feier mit der Sippe torpediert. Jutta Brückners Spätwerk ist die allegorische Familienreise mit gültigem Ticket in alle Richtungen eines Lebens, Pauline Roennebergs Debüt gleicht einer Familienaufstellung mit Tücken. Beide Streifen gibt Corinna Harfouch nicht aus der Hand, ohne sie aufdringlich zu dominieren. Das kann sie wie kaum eine andere.
Sie soll abschließend natürlich zu Wort kommen. Im erwähnten Gespräch von 2009 sagte sie: „Es ist doch im Leben so, dass zwanghafte Festlegungen eher belasten und einengen. Meine Arbeit ist ja deshalb so toll, dass ich mir immer wieder andere Typen spielenderweise anschauen darf. Es ist eine wunderbare, aber auch ganz und gar falsche Vorstellung, dass bei mir zu jeder Zeit fünf Drehbücher auf dem Tisch liegen würden. Und wenn ich schon das Angebot bekomme, die Hexe in ,Bibi Blocksberg’ zu spielen, wäre ich wahnsinnig, wenn ich es ausschlagen würde. Man darf schauspielerisch im deutschen Film einfach viel zu selten über die Stränge schlagen … Ich besitze nicht diese Gabe, mir eine Figur zu bauen und mir damit die Möglichkeiten des Spiels zu begrenzen. Vielleicht verbiete ich es mir sogar. Ich spiele die Figur, gebe ihr meine Kontur, und es beginnt zunächst zwangsläufig mit meinem Äußeren. Auf der anderen Seite bin ich selbst ja auch nicht nur ,eine’ Person. Ich erlebe mich oft in einer manchmal erschreckenden Andersartigkeit, die mich positiv wie negativ überrascht. Ich bleibe mir also oft selbst ein Rätsel ... Alles, was es auf der Welt gibt, sollte auch erzählt werden. Wir als Schauspieler sind genau dafür da. Dorthin zu gehen, wo es wirklich sehr weh tut, heißt ja nicht, dass man die Haltung der Figur auf sich überträgt. Man lässt sie nur erscheinen. Ich glaube, wir haben die Verantwortung, es zu tun, es ans Licht zu holen, ohne auch nur die geringste Frage schlüssig beantworten zu können.“