Körners Corner - schreiben über Film


20. Oktober 2025

Kellys Family

Was noch immer vielleicht nur wenige wissen: Singer/Songwriter-Held Will Oldham - alias Palace Brothers alias Bonnie „Prince“ Billy - war zunächst Schauspieler, bevor er zur Gitarre griff. Er nahm mit neun schon Unterricht, mit 17 bekam er in John Sayles’ MATEWAN seine erste große Rolle, einen Prediger. Seitdem taucht Oldham immer wieder in B-Filmen auf, in JUNEBUG dürfte er erstmals wahrgenommen worden sein. Kelly Reichardt aber gab dem heute 55-Jährigen, der natürlich auch in Dresden schon solo und in Besetzungen live zu erleben war, 2006 eine echte Hauptrolle und der Musik von Yo La Tengo eine assistierende. OLD JOY hieß diese feine Leinwandminiatur.
WENDY AND LUCY war zwei Jahre später eine zweite, dann mit Michelle Williams als karg lebende junge Frau, die mit ihrer Hündin durchs Land zieht. Bis die Hündin fehlt. Mit MEEK’S CUTOFF (2010) erschuf Reichardt, Jahrgang 1964, anhand von Tagebüchern eine Art Anti-Western. „Anti“ meint, dass er jegliche Klischees konterkariert und besonders die Frauen von Stereotypen des Genres befreit, ihnen und auch den Männern ein Stück Leben zurückgibt, das sie wirklich geführt haben. NIGHT MOVES stand 2013 an der imaginären Startlinie starker Filme mit Fokus auf Umweltaktivismus, CERTAIN WOMAN 2016 an jener mit essenziellen Frauenthemen. Und aus FIRST COW (2019) wuchs ein nächstes kraftvolles Historienstück in faszinierender Landschaft.
Kelly Reichardt ist eine Neugier stiftende Vertreterin des US-amerikanischen Independent-Kinos. Ein Kino, das sich zumeist durch materiellen Minimalismus auszeichnet, Präzision in den Storys und Figurenzeichnungen. Starke Gesten, Blicke, stumme Reisen, aber volle Dramatik und volle Wucht. Wenn die Regisseurin und Autorin ruft, tummeln sich große Namen in Kellys Family. Neben Michelle Williams, Will Oldham, Lily Gladstone, John Magaro und Will Patton in „Tateinheit“ der Wiederholung waren es unter anderem schon Paul Dano, Jesse Eisenberg, Kristen Stewart, Laura Dern, Dakota Fanning.
Mit THE MASTERMIND wechselt Kelly Reichardt jetzt erneut das Genre, die Zeit und den Ton, nicht aber ihren Stil. In Framingham nahe Boston zeigten sich die zeitigen Siebziger genau so blass wie in anderen Kleinstädten der Welt. Man müsste sie nachkolorieren, doch für Reichardt zählen innere Farben. Sie liebt Menschen und ihre Fehler und platziert sie, von außen besehen, in eher unauffälligen Geschichten. Zumindest im ersten Teil von THE MASTERMIND wähnt man sich in einem echten Coen-Brothers-Film. Heißt: Heist. Thriller samt Raub der sehr speziellen Sorte.
James Blaine Mooney schleicht mit Frau und seinen zwei Kindern tags durchs Museum, betrachtet abstrakte Gemälde und das Wachpersonal, testet die Schlösser der Schaukästen und klaut schon mal eine nutzlose Figur. Am Esstisch bei seinen Eltern wird klar, dass James gehörigen Druck auf dem Kessel hat. Als Schreiner will sich der Kunstschulabbrecher mutmaßlich selbstständig machen, Daddy als pensionierter Richter wäre für die Anschubfinanzen kein guter Verbündeter, nur Mutter kommt infrage. Weil sie kaum nachbohrt. Im TV läuft der Vietnamkrieg, auf den Straßen größerer Städte laufen die Proteste dagegen. Würde James hier bereits ahnen, dass am Ende ausgerechnet eine solche Demo fatale Folgen für seine Biografie haben wird, er hätte wohl die Finger von der Aktion zuvor gelassen.
Denn James ist nicht ganz der talentierte Mister Mooney. Holt sich die falschen Jungs an seine Seite, die beim Bilderraub im Museum arg tollpatschig aussehen und in der Zeit danach komplett die Nerven verlieren. Beim Versuch, die Dinge im Blick zu behalten, rutscht James das Ruder aus der Hand. Per Anhalter sucht er eine Galaxis. Seine Liebsten hat er nur noch am Telefon, einmal sagt er seiner Frau Terri, er hätte das alles „nur für das Wohl der Familie“ getan. Gut, zu drei Vierteln, denn ein wenig sogar für sich selbst.
Man könnte diesen Mann als tragische Figur der Lächerlichkeit preisgeben, dem schnöden Szenenwitz, einer schnellen Lachnummer. Kelly Reichardt aber schlägt sich auf seine Seite, behandelt ihn respektvoll, führt ihn behutsam ins betreute Dilemma. Und Rob Mazurek jazzt dazu. Vorzüglich, versteht sich.
Kelly Reichardts Filme brauchen kein Hochjubeln, ein Fingerzeig genügt. Der aber ist wichtig. THE MASTERMIND läuft in Dresden im Thalia und Zentralkino.

Post für Andreas Körner