Körners Corner - schreiben über Film


29. Januar 2024

Lars von Trier von allen GEISTERn verlassen

Lange nichts vom eigenwilligen und aufrecht streitbaren, weil ewig polarisierenden und provozierenden dänischen Regisseur Lars von Trier gehört? Kein Wunder, hat er sich doch längst von jedweder Regelmäßigkeit im Arbeitsprozess zurückgezogen. Hinzukommt eine öffentlich verkündete Parkinson-Erkrankung, die den 67-Jährigen wohl zunehmend beeinträchtigt. Niemand weiß, ob es nach THE HOUSE THAT JACK BUILT von 2018 noch einmal einen Kinofilm von ihm geben wird. Was er jedoch geschafft hat, ein Glücksfall im seriellen Übermaß moderner Zeiten, ist die Fortsetzung seiner herrlich komischen und kribbelnd gruseligen Krankenhaus-Serie GEISTER. Ist es d e r Abschluss oder e i n Abschluss?
1994 trug das niveauvolle Serienfernsehen in Europa noch Kinderschuhe, drei Jahre später war es nicht viel anders. GEISTER aber (es kursieren neben „Riget“, dem originalen, noch verschiedene Titel in den Annalen der Filmgeschichte, u.a. „Hospital der Geister“ für Deutschland und „The Kingdom“ für die Welt) schlug ein. Zweimal vier etwa einstündige Episoden lang spukten unter und in Kopenhagens Rigshospitalet Menschen und Wesen herum. Was keinesfalls verwundern darf, denn der Plot basiert darauf, dass sich unter dem wuchtigen Blockbau einst sumpfige Färberteiche befanden. Für einen ungestörten Krankenhausbetrieb hätte man wohl besser hingeschaut. Es musste zwangsläufig so kommen, dass eine Patientin, Frau Drusse genannt, mit Geistern und Dämonen und Wächtern Kontakte pflegen würde und sich die Biografien einiger Angestellter mit ihnen kreuzen sollten.
Lars von Trier beließ es keineswegs dabei, sich auf köstliche Weise des Setzkastens eines Horrorfilms zu bedienen. Er packte vielmehr noch hochgradig amüsante Handlungsstränge in die ersten beiden Staffeln von GEISTER hinein, die beispielsweise das ewige dänisch-schwedische Gerangel aufs Korn nehmen, den Wahnwitz unter Neurochirurgen, die unsterblichen Hierarchien der Götter in Weiß - mit blutigen Flecken.
Und optisch? Eine nervöse Handkamera fühlte schon mal das Dogma-95-Manifest vor, mit dem von Trier und Kollegen bald für Aufsehen in der Filmbranche sorgen sollten. Sepia regiert. Gänge, Flure, Wände werden Darsteller. Der Regisseur selbst, damals noch weitestgehend unbekannt, beschließt jede Episode mit einer persönlichen Ansprache ans Fernsehvolk. Dabei fällt schon mal ein Satz wie „Erst wenn sie ihr Gesicht abwenden, haben wir sie erreicht.“
25 Jahre sind vergangen, als GEISTER – EXODUS einsetzt. Ab und an huschen noch Figuren von damals durchs Bild, andere müssen fehlen, weil ihre Schauspieler und Schauspielerinnen längst verstorben sind. Schlichtweg grandios ist von Triers Idee, mit der Seniorin Karen einen neuen Leitcharakter zu installieren, der sich nach mehreren DVD-Abenden darüber mokiert, dass GEISTER nur halb fertig sei und keinesfalls auserzählt. Karen, die Schlafwandlerin, lässt sich also selbst ins Rigshospitalet einweisen, wo die Angestellten noch immer an der Fernsehserie leiden. Erst recht, als Karen diese Frau Drusse zu sprechen wünscht.
Immer wieder marmorieren Querverweise die neue Handlung, zum Teil auch in Bildern der ersten Filme. Das Sepia ist zurück, die rissige Handkamera, Titelmusik und Vorspann, die selbstreferenziellen Epiloge, in denen ausschließlich Lars von Triers Schuhwerk unterm roten Vorhang zu sehen, er selbst nur zu hören ist.
Und inhaltlich? Neurochirurg Dr. Helmer, der Schwede, ist wieder da, aber es ist der Sohn, der die Stelle antritt. Wie einst Papa entfernt er, aus Angst vor Diebstahl, jeden Morgen noch die Radkappen seines Volvos, lästert über dänische Rückständigkeiten, findet in den „Anonymen Schweden“ Gleichgesinnte, die im Keller den Umsturz planen, duelliert sich mit Kollegen, führt Geschlechtsneutralität beim Umgang mit Patienten ein (was zu einer wegweisend falschen Operation führt), praktiziert und scheitert bei #MeToo, während es unterm Rigshospitalet weiter köchelt, wabert, bis es … Mehr wird nicht verraten!
Nur noch ein paar Namen aus der Besetzungsliste müssen sein, denn sie versammelt einige längst liebgewonnene, weil oft gesehene dänische Darsteller und internationale Gäste: Lars Mikkelsen, Mikael Persbrandt, Alexander Skarsgård, Nicolas Bro, Nikolaj Lie Kaas. Und Willem Dafoe (zum Teil als Eule). Und nochmals Udo Kier (als Bruder-Gesicht in Überdimension).

GEISTER – EXODUS (307 min) ist als DVD/Blu-ray-Box bei Plaion erschienen.