29. April 2026
Sie kranken fast alle daran. Musik(er)dokumentationen, gutgemeinte Porträts, halbgar-authentische Biopics kommen im Kino fast nie ohne sprechende Köpfe aus, ohne mehr oder minder beteiligte Weggefährten, schnell herangekarrte Promis, die dann verbale Salbungen zum Protagonisten absondern. Hinzukommen oft hektisch geschnittene Archivbilder und -filmchen, gern in den großen geschichtlichen Kontext gesetzt. Reizüberflutungen. Wären wegzustecken, wäre da dann wenigstens in ordentlichem Maße Musik. Ist aber selten so. Hört doch die Platten daheim, klingt es vom Regiestuhl aus! Stimmt im Grunde, trotzdem bleibt da stets etwas Ärger zurück. Übrigens ist es beim gerade angelaufenen Stück namens IT’S NEVER OVER, JEFF BUCKLEY über den nun wirklich göttlichen US-Sänger, Songschreiber und Gitarristen nicht anders.
Doch es gibt Ausnahmen, immer wieder. Schrieben wir im Juni vergangenen Jahres an dieser Stelle über ONE TO ONE: JOHN & YOKO, dass „die Abmischung der Lieder ... nachgerade perfekt“ sei und „was für eine Kraft aus den Saalboxen, welche Prägnanz in Lennons Stimme“ kommen würde, so erfährt der (siehe oben) gleichsam eher hitzig komponierte Dokfilm von Kevin Macdonald und Sam Rice-Edwards jetzt eine willkommene Fortsetzung beziehungsweise Ergänzung. POWER TO THE PEOPLE: JOHN & YOKO LIVE IN N.Y.C. bringt in 80 Minuten einen neu montierten Mitschnitt der beiden offiziell als „John & Yoko/Plastic Ono Band with Elephant’s Memory and Special Guests – Live at the One To One Concert, New York City“ firmierenden 1972er Benefizkonzerte im Madison Square Garden vor 40 000 Menschen. Teile davon waren bereits in ONE TO ONE zu sehen. Zwei Jahrzehnte haben Techniker und Sean Ono Lennon, der Sohn des Künstlerpaares, daran gearbeitet. Und es ist wirklich ein Zeugnis geworden. Musik pur. Kunst pur. Zentral. Hoch aktuell. Die technischen Daten heißen digital, High Definition 192/24 Stereo, 5.1-Surround, Dolby Atmos. Toll, so etwas noch erleben zu dürfen, doch man sollte wachsam sein – es gibt im Kino nur noch eine Chance.
Den Split-Screen mag man bisweilen als affektiert empfinden, hier macht er Sinn. Bis zu drei Perspektiven erlauben einen klimatischen Bühneneindruck. „Come Together“ als einziges Beatles-Cover ist programmatisch, dafür steht die Ausgewogenheit zwischen Lennon und Ono im Mittelpunkt, ein Fakt, an dem sich damals fleißig gerieben wurde, weil nicht sehr viele mit Yoko Onos Gesangsstil etwas anfangen konnten, partout nicht gewillt waren, sich mit japanischer Vokaltradition zu beschäftigen, dafür Yokos Beiträge allzu leichtfertig als Wiehern und atonales Geschrei abgetan haben.
Als sei es ein Zeitkommentar - 54 Jahre später und nichts dazugelernt -, möchte man selbst am Schluss raus dem Kinosessel und nach vorn, wo auf der Bühne schon das Rudel tanzt und singt und sich in zehn Minuten „Give Peace A Chance“ vereint: Stevie Wonder, Sha Na Na, Melanie Safka, Allen Ginsberg, Jim Keltner, Phil Spector, Kurt und Edith Vonnegut, Wonder Love, Shirley Mac Laine, Bianca Jagger. You may say, I’m a dreamer ...