Körners Corner - schreiben über Film


3. August 2026

Nachspielzeit für Spanien

Immer noch und wohl bis ans Ende seiner Tage genügt es, in den Vorspann mit dicken Lettern „un film de Almodóvar“ zu schreiben. Vorname? Schall und Rauch! Überbewertet! Pedro, der bekannteste alle spanisch-cineastischen Flügelstürmer, bald 77, bleibt auch im bald 30. Langfilm seiner langen Karriere eher Schuster, also vor allem bei seinen Leisten, um sehr gern Frauen, aber auch Männer sinnbildlich an Grenzbereiche ihres Daseins zu nageln. Von wo aus sie sich dann selbst befragen, nach innen ärgern oder seltener in diese Richtung freuen. Pedro Almodóvar beschreibt Aggregatzustände von Biografien. Temperaturen von Krisen. Seine Wildheit ist der Gelassenheit gewichen, erkennbar aber bleibt er unbedingt.
BITTERES FEST, Almodóvars neues Werk, hat seinen Höhepunkt in einem Song, der sich aus der – ebenfalls längst gesetzten – voluminösen Orchesterspur von Hauskomponist Alberto Iglesias herausschält und wie ein Monolith in der Handlung thront: Die mexikanische Sängerin Chavela Vargas heisert „Amarga Navidad“ in den Raum und überzieht Figuren und Möbel mit einem Frösteln, das sich adäquat in den Kinosaal überträgt. Die Vargas singt es als absolutes Gegenstück zu José Felicianos „Feliz Navidad“, bei ihm ist Weihnachten eher fröhlich und tänzelnd, bei der Kollegin eben sehr, sehr bitter. Ein Steilpass für Almodóvar.
Und sonst so? Herrliche rote Mäntel, gelbe Ringelshirts, tiefblaue Pullover, schwarzer Sand, exquisites Interieur – ein nächster Augenschmaus für Leinwandästheten. Wieder gibt es Anamnesen und Heilmittel, diesmal Panikattacken und Tabletten. Es gibt intakte Beziehungen und Unbewältigtes, Freundschaften und Professionen, Charaktere, die sich konsequent noch jeder so intelligent angelegten Kurzbeschreibung entziehen. Dazu diese unbestechliche Eleganz im Schnitt, die mühelos Zeit- und Metaebenen verschränkt und verschmelzen lässt. Hier sind es die Jahre 2004 und 2025, Klapphandy versus Zoomkontakt. Wie immer ist Almodóvar bei allen Strängen selbst ein wenig dabei.
Penélope Cruz, einstige Jung-Muse des Regisseurs, diesmal nicht. Dafür saß sie während der letztens abgepfiffenen Fußball-WM neben Gatten Javier Bardem in den Stadien, um La furia roja bis hin zum Titel zu beklatschen. THE INVITE war da längst abgedreht und startet parallel zu BITTERES FEST in hiesigen Kinos. Nachspielzeit für Spanien! Eine, in der wirklich etwas passiert. Beide Filme verschleppen keine Zeit, tricksen nicht mit bösen Fouls oder posender Heldensterblichkeit und zweimal sehnt man nicht den Schlusspfiff herbei, um endlich eigener Wege gehen zu können. Dabei ist THE INVITE als Kammer-, besser Appartmentspiel, die Adaption einer sogar noch spanischen Boulevardtheaterkomödie. US-Schauspielerin und -Regisseurin Olivia Wilde holte sie zunächst nach San Francisco und sich dann Penélope Cruz, Seth Rogen und Edward Norton an ihre Seite. Ganz im Stil von WER HAT ANGST VOR VIRGINA WOOLF?, THE PARTY oder DER GOTT DES GEMETZELS ist es ein kleinbesetzter Parforceritt der Dialoge, Sprachen, Gesten, Fenster, Türen und emotionalen Ausbrüche, der richtig Spaß macht. Weil man ja nur zuschaut, wie Joe Rücken hat und nach Arbeit zweimal zu Angela in die eheliche Wohnung kommen muss, damit die Stimmung nicht gleich in den Keller geht. Angela hat tagsüber schon mal einen neuen Teppich, original iberischen Jamón und Käse gekauft, ein Soufflé im Ofen und die neuen Nachbarn eingeladen. Es sind Hawk und Piña, Spitzentypen der Unverbindlichkeit, vor allem aber stimmkräftige sexaktive Nachtwesen, offen in alle Fahrtrichtungen und sogar bereit noch an diesem einen Abend … Die einladende Empfehlung für eine der wenigen OmU-Vorstellungen sei hiermit ausdrücklich verkündet!

Post für Andreas Körner