23. März 2026
In seinem äußerst launigen Roman „Ragazzi, was habe ich verpasst?“, 2011 bei Aufbau auf Deutsch erschienen, lässt der italienische Regisseur und Autor Paolo Sorrentino einen Mann namens Mimmo Repetto „in der Morgenröte seines 100. Geburtstags“ auflisten, was er nicht mag. Das geht dann ganze fünf Seiten lang. Schlussendlich bekundet Mimmo: „Ich kann nichts und niemanden ausstehen. Nicht einmal mich. Mich am wenigsten. Nur eines kann ich ertragen. Zwischentöne“. Horch, horch!
2011 war auch wieder ein Jahr, in dem Sorrentino nächster neuer Film herauskam und es war einer, der zum Lieblingsfilm taugt. CHEYENNE – THIS MUST BE THE PLACE ist so dermaßen obskur, mit Sean Penn so trefflich gegengebürstet, mit David Byrnes Bandauftritt so göttlich auf die bewegte Bühne gehoben, dass man staunen mochte. Mit IL DIVO hatte sich Sorrentino drei Jahre zuvor ins Herz der Cineasten gespielt, mit LA GRANDE BELLEZZA zwei Jahre später dort behauptet. Erst mit EWIGE JUGEND (2015) gab der heute 55-Jährige erste Rätsel auf, die sich dann mit LORO (2018) und vor allem PARTHENOPE (2024) nicht immer lösen ließen. Es gab – wir kennen die Namen – sogar Verluste auf dem Weg. Nun aber sei allen Zweiflern gesagt: Paolo Sorrentino ist in formvollendeter Stärke zurück! Mit LA GRAZIA kommt die alte oder eben nie verblasste Freude auf. Nach der jüngsten Rückmeldung Jim Jarmuschs ist diese eine der besten Nachrichten des Jahres.
Der Film ist voller Zwischentöne, Mimmo Repetto hätte seinen Spaß. Er ist elegant wie immer, skurril wie so oft, voller grandioser Figuren und diesmal wieder von einer unbestechlichen Ruhe getragen, in die man einfach nur hineingleiten mag. Toni Servillo bleibt auch nach 25 Jahren gemeinsamer Arbeit für Sorrentino schlichtweg incredibile. Er darf mal wieder Politiker sein. Nach Giulio Andreotti und Silvio Berlusconi ist jetzt wohl Sergio Matarella, noch amtierender Präsident, an der Reihe. Natürlich nur in Anlehnung. LA GRAZIA greift also erneut nach der Macht, doch hier ist sie eindeutig von milder Sorte bestimmt. Wie man einige Medikamente am besten langsam ausschleichen lassen sollte, geht auch Präsident Mariano De Santis auf das Ende seiner Amtszeit zu. Nicht, dass er diesen letzten sechs Monaten der offiziell „weißes Semester“ genannten Periode entgegenfiebern würde, er zieht sich eher ins Innere zurück. Sechs Regierungskrisen haben Spuren hinterlassen.
Drei wichtige Dinge bleiben noch zu tun: zwei Gnadengesuche bearbeiten, ein Sterbehilfegesetz besiegeln und den Liebhaber seiner verstorbenen Frau Aurora finden, die ihm immer wieder erscheint und in aggressive Wehmut stürzt. An De Santis’ Seite steht Tochter Dorotea, die als Juristin über die Einhaltung des Korrekten und Papas Essen wacht. Heute auf der Tageskarte: Mut zu letzten Entscheidungen, Quinoa und eine gegrillte Auberginenscheibe. „Ich schlafe immer ein beim Beten“, sagt De Santis. „Dann bete nicht“, antwortet Dorotea. Es ist Lebenshilfe. Es gibt auch noch einen Sohn.
Wieder findet sich bei Paolo Sorrentino diese so leinwandverschossene Melange aus ästhetischer Brillanz, akustischer Finesse, famoser Schauspielkunst, Dialogen wie Klingen, die klingen. Und diese Ideen! Sorrentinos Papst ist endlich schwarz und fährt Motorrad, sein Präsident hört Rap, raucht genussvoll und ist fasziniert von Tränen der Schwerelosigkeit, der Kürassier lauert überall, ein General spielt Geige und das sterbende Pferd heißt Elvis. „Ich habe nur beherzt dargestellt, was in den Büchern geschrieben steht“, lässt Toni Servillo seinen Präsidenten sagen. Es ist eine Abrechnung.
Und der Film? Paolo Sorrentino resümiert, er drehe sich um „Liebe, Vaterschaft, Zweifel, Verantwortung, das moralische Dilemma“. Dabei geht es um die entscheidende Frage: Wem gehören unsere Tage?