Körners Corner - schreiben über Film


2. April 2026

Unter dem Teppich der anderen

Knappe Bemerkung vornweg: Wenn in gefühlter Bälde wieder die diesjährigen Französischen Filmtage starten und die Sparte „Dresdner Premieren“ im Programm haben, sollte man durchaus die Gelegenheit nutzen, diese Offerte auch wahrzunehmen. Denn zwischen „Spät“ und „Nie“ liegt manchmal nur ein Hauch. Will meinen: Einige Premieren schaffen es wirklich nicht ins grassierende Überangebot der Verleiher, andere brauchen ein Jahr dafür. 2025 dabei, dieser Tage dann doch offiziell gestartet und immer noch ein besonderer Tipp: A MISSING PART des belgischen Regisseurs Guillaume Senez.
Spanische Filmtage gibt es nicht. Neues von dort verteilt sich eher auf zwölf Monate und könnte gerade etwas Rückenwind bekommen. Denn dass die spanische Regierung aufgrund des Irankriegs der Amerikaner und Israelis den Luftraum ihres Landes für US-Militär gesperrt hat, ist mehr als ein starkes Signal. Viel stärker als das ewig laue Gebrabbel der Berliner Regierungsetagen zum Völkerrecht. Doch, wir sind ja im Kino!
Nicht nur dort, sondern vor allem in der Realität wird in Familien gern so getan, als seien es nur bahnbrechende Großereignisse, die den Alten die Sprache verschlagen und den Jüngeren Rätsel bescheren. Oft wird gedacht, es sei nur der Teppich der anderen, unter dem die Wahrheit wabert. Dabei ist Schweigen und Lügen in der DNA der menschlichen Spezies angelegt wie das Lachen und die Lust. Weltweit. Die Spanierin Carla Simón, Jahrgang 1986, weiß und erzählt davon. In ROMERÌA, ihrem dritten Film und direkten Nachfolger des grandiosen ALCARRÀS (2022) versucht sie sich gar an einer Balance aus Autobiographie und Fiktion, versetzt mit einem surrealen Ausflug, um dem frühen Tod ihrer Eltern und der Geheimniskrämerei der eigenen Verwandten doch noch auf die Schliche zu kommen. Wie sie dabei aus einem sehr individuellen Ansatz heraus mit universellen Noten spielt, ist beeindruckend. Diese Regisseurin kann eben großartig beobachten und ein Ensemble führen - gern mit Laien, gern mit Debütanten.
Nach den katalanischen Pfirsichplantagen von ALCARRÀS landet Simón jetzt an der Atlantikküste. In Vigo leben die Großeltern der 18-jährigen Marina. Tanten, Onkels, Cousinen, Cousins. Niemand kennt Marina wirklich, sie war zu klein, als man sie in andere Hände gab. Es sind die frühen Zweitausender, man trägt noch Pelz unter den Achseln und hat eine VHS-Kamera dabei. Weshalb Marina sich trotzdem aufgemacht hat? Im Grunde braucht sie nur ein behördliches Papier, um mit Stipendium studieren zu können. Auf der Reise und letztlich auch beim Aufenthalt am Meer nutzt sie das Tagebuch der Mutter, um sich die Achtziger heranzuzoomen, jene Jahre, in der sie geboren und zur Waise wurde. Das Tagebuch übrigens existierte nicht, Carla Simón hat Briefe ihrer Mutter adaptiert.
Spricht Marina am Telefon mit ihrer „jetzigen“ Familie, lügt auch sie: „Ja, Oma, wir säubern die Wälder.“ Nur die „jetzige“ Mutter weiß, wo Marina ist und was sie dort in Vigo macht. Mit 18 ist sie eine zurückhaltende, freundliche, aber entschiedene junge Frau geworden, die sich ein Staunen darüber gönnt, wie verschieden die Mitglieder dieser ihr so unbekannten Sippe sind und die aufhorcht, wenn die nächste Unstimmigkeit über ihre Eltern kolportiert wird. Ein Onkel hat noch das alte Boot von damals, scheint jedoch die Rolle des schwarzen Schafs von Marinas Papa übernommen zu haben. Oma ist der wandelnde Vorwurf auf zwei Beinen, Opa verteilt im Stile eines arroganten Pater familias Geldscheine an die Enkel, wenn sie beim Rapport die erwartet gute Figur machen. Über und unter allem jedoch gärt in diesem Familienfilm die Wahrheit über den Tod und den Umgang mit dem Tod. Die Achtziger? Es gab Drogen, es gab Aids …

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