Körners Corner - schreiben über Film


5. Juni 2026

Von Gegenteil und Gegenlicht

Wer nie auf dem Rücken eines Pferdes saß, sollte seine eigenen Hufe schön flach halten. Vor allem, wenn es darum geht zu beschreiben, was Pferde dem Menschen wirklich bedeuten können. Sprechen wir an dieser Stelle also mit flachen Hufen von einem nächsten Film, der von Menschen und Pferden erzählt. Stark erzählt. In Teilen grandios. THE NEW WEST (bizarrerweise wurde dieser „deutsche“ Verleihtitel aus dem originalen EAST OF WALL geklöppelt) blendet in den Alltag auf einer Ranch in South Dakota, U.S.A. Die Charaktere – zu wesentlichen Teilen authentische Personen mit ihren eigenen Namen – sind exzellent ausgewählt und porträtiert, die Bilder ausgesprochen deliziös, die Handlung lässt den echten Puls spüren, mit dem sie aufgezeichnet und in nur marginalen Teilen ausgedacht wurde.
Immer wieder ploppt diese Art Kino auf, immer wieder werden Filme dieser Art zu Unrecht übersehen. Nur zwei seien an dieser Stelle genannt, die es besonders schwer hatten: MEEK’S CUTOFF von 2010, ein bestechend schöner Historien-Western von Kelly Reichardt, sowie Chloé Zhao’s THE RIDER von 2017. Gerade letztgenannter könnte nunmehr zusammen mit THE NEW WEST ein bewegtes Doppel bilden, denn auch dort stehen authentische Charaktere aus dem Rodeo-Umfeld in South Dakota im Mittelpunkt, Laiendarsteller also, die sich selbst verkörpern. Nun aber geht es vor allem ums Feminine und nichts daran ist aufgesetzt oder dem schnöden Zeitgeist hinterherhechelnd. Im Gegenteil. Sehr schnell sieht man sich und zieht sich hier hinein. Nicht viel mit Pferde(-mädchen)klischee!
Über mehrere Jahre hat sich Regisseurin Kate Beecroft mit Pferdetrainerin Tabatha „Tab“ Zimiga (als sie selbst) zum Zwecke einer Leinwandgeschichte verbunden. Diese Frau mit nun wirklich eindrucksvoller äußerer Erscheinung - man betrachte allein ihr Profil von beiden Seiten mit dem Haarschnitt als „Scharfrichter“ - führt die 1200 Hektar große East-of-Wall-Ranch unweit der Badlands, dieser massiv vernarbten Landschaft voller Furchen, die gleichsam zur Metapher wird. Tabathas Mann John ist seit einem Jahr tot und begraben, sie lebt weiter mit ihren Kindern in einer Mehrgenerationengemeinschaft. Und: Sie hat seit Johns Tod kein Pferd mehr bestiegen. Tabs Mutter (perfekt entdeckt: Jennifer Ehle) raucht Kette und brennt in beeindruckendem Schwarz Pfirsichschnaps, fürs Zureiten der Pferde hat Tabatha männliche Gehilfen, speziell aber auch Kids, die Tamara Danz einst, ganz woanders verortet, als „Verlorene Kinder“ besang.
Tabs Teenie-Tochter Porshia (als sie selbst) ist eine Art Leader für den Nachwuchs, zudem extrem begabt als Reiterin und vom traumatisierten Verlust ihres Ziehvaters John geprägt. Sehr traurige Augen hat sie und erzählt, wohl dosiert aus dem Off, von ihrer Sicht auf die Welt. Die Ranch ist eine Art Auffangstation für verletzte Kinder, es regieren Armut und Freiheit, Spiel und aller Ernst, Status quo und eine ungewisse Zukunft, denn wenn Tabatha ihre Pferde auf TikTok oder Auktionen verkauft, erzielt sie alles andere als angemessene Preise. Bis Händler Roy (Scoot Mc Nairy) kommt: reich, mit protzigem Truck, auffällig zwielichtig.
Das alles könnte spätestens an dieser Stelle kippen, abdriften ins Gewöhnliche, Erwartbare und kaum mehr Zumutbare. Gegenteil, zum Zweiten! Der Film wird immer stärker, weil Kate Beecroft ihre Protagonistinnen stärker macht. Zum inhaltlichen Gegenteil gesellt sich das optische Gegenlicht für Natur, Tier, Mensch und Stimmungslagen. Auch die feinsinnige musikalische Begleitung von Lukas Frank und Daniel Meyer-O’Keeffe trägt ihren Teil zur Stärke bei.
Nun soll es inzwischen Kinobesucher geben, die aufgrund eines einzelnen weißen Mannes im Weißen Haus das US-Kino meiden. Sie würden sich im Falle dieses Debüts (!) um 97 Minuten bereichernde Lebenszeit bringen. Übrigens: Es ist auch ein Familienfilm!

Post für Andreas Körner