Körners Corner - schreiben über Film


5. Januar 2024

Weil heute sein Geburtstag ist

Nein, natürlich nicht nur! Aber auf wundersame wie berührende Weise kommt heute zusammen, dass der große japanische Trickfilmer Hayao Miyazaki 83 wird und nahezu parallel sein neuester Film DER JUNGE UND DER REIHER auch in den deutschen Kinos startet, nachdem dieses grandiose Stück bereits in Japan und Frankreich viele Millionen Menschen glücklich machen durfte. Es soll übrigens nun wirklich sein letztes sein. Viel zu schnell sagt man, eine Lücke würde gerissen, im Falle Miyazaki aber träfe es zu.
Was hat er uns bereits staunen lassen! Falls es der Cineast bis 1997 noch nicht geschafft hatte, Miyazakis umfangreiche Filmografie zu sichten (sie wurde im Westen offiziell nicht im Kino gezeigt), kam er in diesem Jahr an PRINZESSIN MONONOKE einfach nicht vorbei. Oder später an CHIHIROS REISE INS ZAUBERLAND (2001), DAS WANDELNDE SCHLOSS (2004) und WIE DER WIND SICH HEBT (2013). Stilsicher zwischen Tradition und Moderne schreitend, exorbitant und detailversessen im Handwerk, erzählerisch voller Farben, Wucht und Verve gehören diese Streifen zum Leinwand-Kanon der prägenden internationalen Kino-Animation. Und da geht es keinesfalls um ein profanes, nichtssagendes Besser-als-Disney. Hayao Miyazaki bespielt eine eigene Liga mit eigenen Anhängern. Auch DER JUNGE UND DER REIHER berauscht auf sehr eigene Weise. Was zudem für immer bleibt und jedes Mal aufs Neue fasziniert, ist die Tatsache, dass sein Werk wirklich Generationen und Kulturen verbindet. Größere Kinder, ihre Eltern und Großeltern werden auf inspirierende, fordernde Art vereint und so famos wie klug unterhalten.
Falls es dann wirklich die finalen zwei Stunden eines Berufslebens sein sollten, so hat der unwiderstehliche Humanist Miyazaki nochmals alle Register gezogen, verbindet biografische Momente mit seinem 1937er Lieblingsjugendbuch, Zeitgeschichte mit einer üppigen Fantasiewelt. Dass hier der elfjährige Mahito im Kriegsfeuer Tokios seine Mutter verliert, nach einiger Zeit mit dem neu verheirateten Vater auf ein geheimnisvolles ländliches Anwesen zieht, wo alte Frauen knorpelig-lustige Schutzbefohlene sind, ein aufsässiger Graureiher seine Gestalt wechselt, wo niedliche Sittiche böse gefräßig und Pelikane anders bedrohlich sind, wo in einem mysteriösen Reich ein Stein alle Kräfte bündelt und ein alter Mann in Mahito seinen Nachfolger sucht, all das kann in der Beschreibung nur ein winzigster Bruchteil der Handlung sein. Der große Rest, ein Wunder!
Regiekollege Guillermo del Toro hat es fein auf den Punkt gebracht: „Es gibt einen Moment, in dem einen die Schönheit auf eine Weise berührt, die man nicht beschreiben kann. Miyazaki hat diese Kraft.“ Wir sagen: Tanjō bi omedetō gozaimasu, Hayao-san! Alles Gute zum Geburtstag!
Und ganz nebenbei: DER JUNGE UND DER REIHER macht sich gerade ausgesprochen gut im Doppelpack mit Wim Wenders’ PERFECT DAYS.