17. August 2025
Wenn es an die Listen der besten Filme des Jahres geht, wird unbedingt über das Wüsten-Rave-Drama SIRÂT zu sprechen sein. Am besten schon heute. Doch: Die Veränderungen in der Filmpresselandschaft werden immer gravierender und so begab es sich dieser Tage, dass SIRÂT zwischen Bullys DAS KANU DES MANITU und Cédric Klapischs DIE FARBEN DER ZEIT – beide eher Durchschnitt – unterzugehen drohte. Nicht in den Dresdner Neuesten Nachrichten, die in Sachen Film aufrecht versuchen, überregionale Lücken regional zu füllen. Danke dafür! Der nachfolgende Text durfte dort schon erscheinen und es gibt für mich an dieser Stelle nicht viel hinzuzufügen.
Warum werden wir nicht stutzig, wenn sich selbst sperrigste Fremdwörter in unseren Sprachalltag eingeschlichen haben, vor allem, wenn es im Deutschen noch immer starke Entsprechungen dafür gibt? Im Fußball wird plötzlich munter antizipiert, im Arbeitskollektiv unbedingt Resilienz aufgebaut, jedes zweite Kinoereignis ist jetzt schon immersiv. Und apropos: Gibt uns ein Film dann wirklich auf besondere Weise das Gefühl, komplett in seine extraordinäre Optik, phänomenale Akustik, in seine keineswegs auserzählte Handlung samt sehr speziellen Charakteren einzutauchen, ist er also tatsächlich immersiv, scheint dieses Wörtchen lateinischen Ursprungs schon verbraucht zu sein. Schade eigentlich.
Willkommen in SIRÂT! Willkommen auf dem Pfad zur „Brücke zwischen Hölle und Paradies“, die im islamischen Glaubensraum zu überqueren wäre, doch „wer es wagt, sei gewarnt, denn sie ist dünner als ein Haar und schärfer als ein Schwert“. Der 1982 in Paris geborene spanische Regisseur Óliver Laxe stellt eine der Sirăt-Definitionen an den Beginn seines vierten Films, der Titel selbst erscheint in großen Lettern erst nach einer halben Stunde. Bis dahin gilt es, sich auf dem Kinosessel – Betonung auf Kino – womöglich schon eingerichtet zu haben. Eingesehen. Eingehört sowieso.
Boxen werden zu Türmen gestapelt, Sehrlautsprecher in Formation gebracht, es ist heiß und schon hier fordert die Tonspur die Gewohnheiten heraus. Alles ist ein wenig dumpfer, fordernder, voluminöser und da hat der Rave in Marokkos Wüste noch gar nicht begonnen. David Letellier alias Kangding Ray, in Berlin lebender französischer Elektronik-Produzent und -musiker, nimmt von der ersten Minute an die Idee des Regisseurs auf, das Hören der Bilder und Sehen der Töne möglich zu machen. (Ein schöner Letellier-Kabel-Clip findet sich übrigens hier: ). Kangding Ray platziert fettigste Beats neben grantigen Sprengseln und fließt zunehmend in flächige Sounds, dann, wenn es vom Rave vorm Atlas-Felsen wirklich hinein geht in die Wüste, auf die Bergstraßen, hin zu Sand, Steinen – Abgründen
Doch so weit ist es noch nicht. Zunächst wird getanzt, geschwitzt, gekokst, gerauscht, prallen Beats auf Bäuche. Einer trage des anderen Basslast! Von Massen zu sprechen, die für diese freie Party nach Südmarokko gereist sind, wäre falsch, es ist eher eine überschaubare Gruppe. Mauro Herces Kamera sucht und erfasst die Körper jener sieben Menschen, die fortan beim Zuschauer bleiben werden. Für länger oder vielleicht bis zum Schluss – Betonung auf vielleicht: Stefanie (Gadda), Joshua Liam (Henderson), Tonin (Janvier), Jade (Oukid), Bigui (Richard Bellamy), als Darsteller sind sie Laien, als Typen sind sie echt. Zwei fehlen noch, doch sie sind hier nur hineingeraten, stolpern mehr übers Gelände, als dass sie ein Ziel hätten. Ihr Ziel ist kein Ort, kein Platz, kein Vergnügen. Luis (Sergi López) und Estéban (Brúno Núñez), Vater und Sohn, suchen Tochter und Schwester. Vor fünf Monaten ist Mar verschwunden. Dass sie auf einem solchen Rave sein könnte, wäre eine naheliegende Option, haben sie gehört. Deshalb haben Luis und Estéban ein Foto von Mar kopiert, verteilen die Zettel, fragen sich durch, schlafen mit Hündin Pipa im Citroën-Caddy. Es ist ein Unterfangen.
Als bald schon Armeefahrzeuge anrücken und die Party auflösen, liegt kurz die Vermutung nahe, es würde rein aus formellen Gründen geschehen. Illegale Sause, eben, bei den Behörden nicht angemeldet. Doch es kommt dick. Speziell die Europäer sollten flugs in ihre Fahrzeuge steigen und das Gelände zu ihrer „eigenen Sicherheit“ verlassen. Irgendwann tönt in den Medien, die Nato hätte sich positioniert. Kriegszustand? Weltkrieg? SIRÂT behält die Bedrohung fortan nur als Folie über dem Geschehen. Denn schon zuvor sind Jade, Bigui, ihre Freunde und ein paar andere mit ihren wohnmobilen Trucks aus dem Konvoi ausgebrochen. An einem weiteren Ort in Marokko soll es einen Rave geben, dorthin wollen sie, egal wie. Im Schlepptau haben sie Luis und Estéban.
Wie unter einem Äthernebel wechselt SIRÂT fortan seine Atmosphäre, ist Abenteuerfilm, wird Drama, vereint deliziöse Anmut mit schroffem Schock, will hier spirituelle Energie und dort zutiefst menschliche Zeichen, ist griffig, also real oder wie ein Rausch, also surreal, reizt mal die Mühen der Metaebene und andermal den Mut, sich die Biografien der Figuren selbst zu bauen. Denn Regisseur Óliver Laxe liefert sie nicht. Wo haben Bigui (ihm fehlt eine Hand) und Tonin (ihm fehlt der Unterschenkel) ihre sichtbaren Verletzungen her? Wie wurden die fünf diese verschworene Gemeinschaft? Warum hat sich Mar nicht mehr bei ihrer Familie gemeldet? Welcher Typ Vater ist Luis? Woher kommt Estébans so kluge Antwort auf Biguis Frage, warum die Schwester weggelaufen sei („Ist sie nicht. Sie ist erwachsen, sie ist gegangen.“)?
Man solle nicht hören, sondern tanzen, bekommt Luis von Jade den Rave erklärt. Übertragen heißt es, man solle nicht über SIRÂT lesen, sondern ihn erfahren. Und zwar jetzt!