Bei Clotaire als Sohn eines Hafenarbeiters in Lille ist das Herumlungern Profession. Schule? War einmal. Heute ist sie bestenfalls eine willkommene Einrichtung, um draußen Mädels zu checken, die noch hinein gehen. Betont lässig kaut Clotaire auf seinem Kaugummi, an Jackie aber, die weitaus geordneter lebt als er, wird er sich zunächst die Zähne ausbeißen. Nicht völlig, nein, denn Clotaires roter Kaugummi landet bald an Jackies Zimmerwand. Klebt dort und beginnt als Herz zu schlagen.
BEATING HEARTS von Gilles Lellouche entspringt – und das ist wörtlich gemeint – der Gattung Überwältigungskino. Der 52-jährige macht als Regisseur klare stilistische Ansagen. Er will Farben, Packeisbäder und Feuerstellen, er will Coming-of-Age-Drama und Thriller-Gewaltspirale, will eine Art „French Side Story“ und die große Sonnenfinsternis, will die Illusion und das harte Aufkanten der Realität, das Unmögliche einer möglichen Liebe für immer. Er lässt seine zwei wahrhaftigen Pärchen (Mallory Wanecque/Malik Frikah und nach einem Zeitsprung von etwa zehn Jahren Adèle Exarchopoulos/François Cevil) auf seinem dramaturgischen Schleudersitz Platz nehmen und verweigert ihnen den Sicherheitsgurt. Was in den zehn Jahren geschah? Clotaire hatte viel Zeit, um seine 475 Worte zu finden, bei denen er an Jackie denkt. Sie landen auf einem Schmierzettel und werden Dämme brechen lassen.
Andreas Körner