2. Oktober 2025
Wenn Wolfgang „Gangerl“ Clemens flucht, dann ist sein Schiffsmotor mindestens schon mal eine „blöde Sau“ und ein „Drecksack“ auch. Wenn Gangerl flucht, dann ist sein Bayerisch noch immer scharf und kantig und man ist besser nicht in seiner Nähe. Doch der 83-Jährige hat eh vorgesorgt: Es ist so gut wie nie jemand in seiner Nähe. Seit fast vier Jahrzehnten läuft Gangerls Leben steuerbord und backbord vor allem auf einem Segelboot. Als der gelernte Kunstschmied und Vater zweier Kinder 1988 von Roding/Oberbayern aus in See stach, dereinst im über zwölf Jahre lang selbstgebauten 46er Stahlkahn „King of Bavaria“, waren seine damalige Lebensgefährtin Renate und ein Hund dabei. Seit 1992 fährt Gangerls Boot nur noch im Einhandbetrieb und er braucht auch fürs Filmen von Videoclips, Schreiben von Büchern und Ausarbeiten von Vorträgen kaum einen anderen. Es scheint das Beste zu sein. Für ihn.
Kürzlich war Gangerl persönlich im Programmkino Ost und AUSGSTING, der Film der Wittmann-Brüder über ihn, lief danach noch längere Zeit. Wie wäre es mit einem Nachschlag?
Die Schweizer Regisseurin Livia Vonaesch hat den Part als Solistin an Bord einer fremden Jacht gewagt. Kein Team, nirgends! Für ihren faszinierenden Film HOME IS THE OCEAN wurde sie echtes Mitglied einer eingespielten Crew und begleitete in einem Langzeitprojekt über sieben Jahre lang Landsleute, den Klimatologen Dario und seine Ehefrau Sabine Schwörer samt Nachwuchs, auf ihren Törns im Segelboot. Das nun wirklich Außergewöhnliche dabei, auch fürs Kinopublikum, ist die Tatsache, dass die Schwörers als Familie reisen. Wo man zunächst glaubt, es sei wirklich ein Familienausflug, ist es pures Familienleben.
Vonaesch stieg zu, als sich das sechste gemeinsame Kind angekündigt hatte. Über zwei Jahrzehnte werden die Schwörers am Ende des Drehs unterwegs sein, die Töchter und Söhne haben als Geburtsländer unter anderem Singapur, Chile, Australien, Island. „Ich wusste nicht“, sagt die Mutter, „wie es gehen würde, Kinder an Bord großzuziehen. Aber ich wusste ja auch nicht, wie es an Land geht.“ Die reichlich eineinhalb Stunden von HOME IS THE OCEAN zeigen zum Teil atemlos machende Aufnahmen dieser radikal anderen Welt auf 20 Quadratmetern, dieses Universums einer Lebensidee draußen in der Natur, die, so Dario Schwörer, „eigentlich immer fair spielt“. Um ihr im menschlichen Maß ein Stück Fairness zurückzugeben, hält er weltweit Vorträge an Schulen dort, wo immer die Leinen um Klampen geworfen werden – in Greenwich, auf den Azoren, in Norwegen. Und als auf Island nicht nur das sechste Kind geboren wird, sondern sich eben diese Natur besonders grimmig zeigt und das fahrbare Heim der Schwörers am Schlafittchen packt, werden Fragen zwingend, die sich Eltern überall auf der Erde stellen: Ist dieses Leben wirklich gut für uns? Für die Kinder Salina, Andri, Noé, Alegra, Mia und Vital, die groß und größer werden, älter, reifer, eigenwilliger, eigenständiger? Gut für Erziehung und Wertevermittlung, die Fundamente und die eigene Perspektive? Kann man doch noch sesshaft werden? Will man es? Was bedeutet es loszulassen?
HOME IS THE OCEAN spricht ausschließlich für sich – mit vorzüglichen Bildern, allein aus dem Off gesprochenen Kommentaren der Erwachsenen und Kinder, aus seiner behutsamen, nie künstlich forcierenden Montage und eben dieser so dankbar aufgenommenen Intimität einer großen Familie auf kleinem Raum. Es ist Abenteuer genug.