26. September 2025
Ein Hundefänger knattert über holprige Straßen, doch im Käfig sitzt kein kläffendes Tier. Es ist ein alter Mann und er sagt kein Wort, wehrt sich nicht, klappert apathisch gen Schicksal. Kürzlich erst hat die brasilianische Regierung das Mindestalter für die letzte große Reise von 80 auf 75 Jahre reduziert. Welche Reise? Jene in die „Kolonie“. Ins Lager. Dort werden alle Alten versammelt, von dort kommen sie nicht mehr weg. Ihr Eigentum ist längst konfisziert, die Kinder sind als Vormund bestimmt und fügen sich willig anstatt aufzubegehren. „Die Zukunft gehört allen!“, lügt ein fliegendes Spruchband vom Himmel. Die Kamera schwenkt von oben herunter auf das Graffiti einer Mauer: „Gebt mir meinen Opa zurück!“, steht da geschrieben. Es ist der Hilferuf eines Enkels.
DAS TIEFSTE BLAU entwickelt sich in bescheiden anmutenden 85 Laufminuten zum so herzhaft überraschenden wie mutig eigenwilligen Kinoerlebnis. Da Regisseur Gabriel Mascaro, Zitat, ein „spielerisches Ausloten von Genres“ mag, gleitet er dabei vom keinesfalls humorfreien Aufbegehren einer Seniorin hin zum existenziellen Drama, das sich tief darin versteckt, vom naturalistischen Abenteuer hin zum dystopisch-surrealen Trip. Die Metaphern lauern freilich an jeder Ecke. Diesen Mix sollte man anzunehmen bereit sein, denn nur dann wird man beim Sehen und Erleben reich belohnt.
Tereza also. Mit 77 arbeitet sie noch im Alligatorenschlachthof, doch als man ihr einen güldenen Lorbeerkranz an die bescheidene Hütte nagelt und sie als lebendes Nationalerbe allein für ihr erreichtes Alter prämiert, schwant ihr nichts Gutes. Vom Hundefänger als „Altenabschlepper“ hat sie längst gehört, schon bald wird sie ihn sehen und selbst an der Reihe sein. Dabei hat sie noch Träume. Zum Beispiel ist sie noch nie in ihrem Leben geflogen, es wird höchste Zeit dafür. Die Tochter aber verweigert ihre Zustimmung, offiziell bekommt Tereza nirgends ein Ticket mehr, also muss die alte Dame all ihre Raffinesse, ihr Geschick und ihren geballten Charme zücken, um auszubüxen, sich dem anstehenden Transport mit Windel zu verweigern und auf eigene Faust zu reisen. Überallhin, nur nicht in die „Kolonie“.
Ein Roadmovie auf der Wasserstraße beginnt. Tereza findet in Cadu einen jungen Mann, der sie auf sein Boot lässt und mit ihr und verbotenen Waren dem Amazonas die Kilometer abringt. Sie trifft Ludemir, den Bruchpiloten mit der Spielsucht, schließlich begegnet ihr zur rechten Zeit am rechten Ort Nonne Roberta, die gleichsam betagte Bibelverkäuferin mit eigenem Kahn. Es ist an der Zeit, eine Schwesternschaft zu gründen. Spätestens seit ihr Cadu die mystische Schleimschnecke mit dem blauen Sekret gezeigt hat, das, ins Auge geträufelt, neue Welten erschließt, weiß Tereza, dass ihr Weg noch längst nicht zu Ende ist. Zum Erweitern eigenen Bewusstseins ist es nie zu spät. Die Zukunft beginnt jetzt!
Bilder vom Amazonasgebiet sind hier zu sehen, die man so noch nie gesehen hat. Auch DAS TIEFSTE BLAU als Film hat man so noch nicht gesehen. Und Denise Weinberg als Tereza, eine gefragte und beliebte Theater- und Filmschauspielerin in Brasilien, wird nur mit Mühe von Platz 1 der Ü-Sechziger im Kinojahr 2025 zu verdrängen sein.