Körners Corner - schreiben über Film


23. Juni 2025

Aya hat Nein gesagt. Hat sie es wirklich?

Der mauretanische Regisseur Abderrahmane Sissako (TIMBUKTU) dreht gängige Erwartungen gleich zweifach vom Kopf auf die Füße und selbst das ist noch einmal doppeldeutig gemeint. Bei ihm führen die Pfade einer jungen Frau, entgegen dem „Uhrzeigersinn“, von Afrika aus nach China. Das mag das europäische (Kino-)Auge durchaus überraschen, doch gerade in chinesischen Großstädten gibt es durchaus eine stattliche afrikanische Diaspora. Ehrlich, wer wusste vor dem Leinwandstart von BLACK TEA davon? Und davon, dass es afrikanische Menschen, aus freien Motiven, ausgerechnet nach China zieht, weil sie dort lebenswerte Parallelen im Sozialen und Kulturellen finden oder zu finden glauben? Dass es also nicht unbedingt mit dem schnöden Mammon zu tun hat oder wirtschaftlichem Druck als Exilgrund?
Sissako selbst hat zehn Jahre in Russland gelebt, dort studiert und, wie er sagt, dieses Land geliebt. Dabei hat der heute 64-Jährige durchaus auch Ablehnung erfahren, die Gründe dafür sieht er allerdings nicht im Rassismus als gern geschwungene Argumentationskeule, sondern schlicht und ergreifend in Unverständnis und fehlender Neugier. Mal darüber nachdenken, denn: Es lässt sich übertragen.
Und es wäre zugleich der zweite Sinn hinter dem Vom-Kopf-auf-die Füße. BLACK TEA ist kein verkopfter, seltsam drängender, dabei oftmals leicht bis arg aufdringlicher Debattenfilm übers Fremdsein, über Ausgrenzung, Flucht und Not. BLACK TEA feiert den milden Ton und zärtlichen Blick, die Suche nach dem, was uns menschlich verbinden könnte, zeigt das Sinnliche mit aller Zurückhaltung, das Feinsinnige mit Feingefühl, begreift das Verstehen als machbaren Prozess. Auch im Romantischen und Melancholischen. Vom Dilemma, dass diese Beschreibung – gemessen an der Realität – schwer nach Utopie, Märchen oder mindestens nach Träumerei klingt, soll an dieser Stelle keine Rede sein. Weil Kino sich einfach Auszeiten von Tatsachen gönnen muss!
Die junge Frau heißt Aya, kommt von der Elfenbeinküste und sagt Nein. Diese nächste traditionelle Gruppenhochzeit, die am Beginn von BLACK TEA in subtiler Ausführlichkeit gezeigt wird, ist diesmal also anders. Aya ist schließlich auch anders als ihre Mutter und hat absolut nicht vor, wie sie zu werden. Der Humus aus Stolz, Selbstbewusstsein und eigenem Willen hat Aya (extrem stark gespielt von Nina Melo) zu dieser Entscheidung hin wachsen lassen. Bevor sich die Handlung überhaupt mit fassungslosen Verwandten und Ayas Fast-Mann befassen könnte, überblenden sich die Bilder bereits in eine neue Szenerie: Aya lebt jetzt in Guangzhou, dieser prosperierenden Zwölf-Millionen-Hafenstadt im Süden Chinas, inmitten eines Viertels, das sich, wäre es „andersherum“, Chinatown nennen würde. Weil hier sehr viele Afrikaner wohnen und vor allem arbeiten, heißt es Chocolate City. Aya hat Anschluss im afrikanischen Teil Guangzhous gefunden, ihre Neugier, Wach- und Achtsamkeit leiten sie wie ein Kompass aber auch hin zu den Einheimischen.
BLACK TEA ist vorzüglich im beiläufigen Beobachten der Menschen, ihrer Eigenheiten und Töne. Die Temperatur des Films bleibt dabei im angenehm niedrigen Bereich. Das ändert sich auch nicht, als sich Aya und Cai, der ältere Chef des Teeladens, in dem sie arbeitet, vor allem über das gemeinsame Zelebrieren von Zeremonien, Ingredienzien, Düften und und Geschmacksnoten näher kommen. Es geschieht natürlich behutsam. So wie die Begegnung Ayas mit Cais Ex-Frau. Selbst der Humor zeigt nur zarte Äderchen, beispielsweise in einer wirklich göttlichen „Bluetooth-Szene“ mit Cais erwachsenem, modernen und hellköpfigen Sohn.
Und was machen wir mit der Schlussszene von BLACK TEA? Am besten einfach mitnehmen. Nicht werten. Wirken lassen wie der Tee, der im Schälchen zieht.

Post für Andreas Körner