29. Juni 2025
Die (mutmaßlich) letzte Verbeugung der Beatles hat über 70 Millionen Klicks im Netz. Der (mutmaßlich) letzte Song – Nummer-1-Song, genauer – ist seit November 2023 für alle hörbar. Es gibt auch einen zwölfminütigen Kurzfilm über die Entstehung von „Now And Then“ und schließlich besagtes offizielles Video. RINGE-Regisseur Peter Jackson war es, der Ringo Starr und Paul McCartney als verbliebene Beatles mit neuester KI vertraut gemacht hat, um diese (mutmaßlich) letzte gemeinsame Arbeit als Quartett, im Urzustand gespeichert auf Kassette als John-Lennon-Demo mit Gesang plus Klavier, zu einem guten Ende zu bringen. Es wundert nicht, dass ausgerechnet Jackson es war, Beatles-Erzfan der ersten Stunde, ist er doch seit Jahren in der Spur, um die Band noch einmal neu für den Film zu entdecken. Und: Nach seiner Trilogie GET BACK kommt irgendwann bald eine Tetralogie über die Beatles, dort allerdings hat Peter Jackson dem AMERICAN-BEAUTY-Regisseur Sam Mendes Vorfahrt gewährt.
Will meinen: Wir bekommen sie nicht los, die Pilzköpfe und vor allem John Lennon nicht. Gut ist das, weil wichtig und immer auch mit heutigen Augen besehen. Dass Lennon der am meisten wache und politischste der vier war – alter Hut! Dass er zusammen mit seiner Frau Yoko Ono relevante Performances in genau diesen Dienst stellte – man weiß es. Die Doku ONE TO ONE: JOHN & YOKO der Briten Kevin Macdonald und Sam Rice-Edwards bündelt alles trotzdem noch einmal neu. Denn es gab einen Anlass.
Am 30. August 1972 spielte John Lennon im New Yorker Madison Square Garden ein Benefizkonzert für geistig beeinträchtigte Menschen, konkret für den Campus Willowbrook. Der Auftritt wird als erstes und letztes Vollzeit-Konzert nach Lennons Beatleszeit in die Annalen eingehen. Der Abend brachte mit Band und Yoko sowie Stevie Wonder als Gast 18 Songs, darunter „Hound Dog“ für Nixon, „Imagine“ als Mittel gegen die Wunden, die genau dieser Präsident gerissen hat, „Come Together“ als einziges Beatles-Cover, „Instant Karma“, „Woman Is The Nigger Of The World“, „Mother“, das unvermeidliche „Give Peace A Chance“. Die Abmischung der Lieder für ONE TO ONE ist nachgerade perfekt. Was für eine Kraft kommt aus den Saalboxen, welche Prägnanz in Lennons Stimme!
Doch Kevin Macdonald und Sam Rice-Edwards wollten nicht allein das Konzert dokumentieren, was wiederum schade sein könnte für pure Musik-Film-Nerds. Macdonald sagt: „Ich habe schon sehr früh beschlossen, dass ich nicht versuchen werde, alten Männern auf dem Sterbebett hinterherzulaufen, um ihre letzte John-Lennon-Anekdote zu erfahren, die sie eh wahrscheinlich schon erzählt haben. Ich dachte, ich werde nicht versuchen, in irgendeiner Weise maßgebend zu sein. Wäre es nicht interessant zu sehen, wer der John ist, wer die Yoko, die aus dem Archivmaterial auftauchen? Die Zeit um das Konzert herum ist die Zeit, in der John und Yoko am häufigsten vor der Kamera stehen, entweder hatten sie ihre eigenen Kameras oder sie ließen andere Leute filmen. Ich dachte: Es gibt genug Material, um sie für sich selbst sprechen zu lassen, das Publikum kann sie belauschen. Ich denke, das ist viel interessanter als ein traditionelles Biopic, bei dem die Filmemacher versuchen, eine sehr kohärente Version der Dinge zu präsentieren. Wie wir alle wissen, ist das Leben chaotisch und widersprüchlich.“
Und so wird ONE TO ONE zur hitzigen Collage aus Dokumenten, Fotos, TV-Mitschnitten, Telefonaufzeichnungen, die zeigen, wie sehr sich das Künstlerpaar gesellschaftlich vernetzt hat, Anschluss an politische Bewegungen fand, Zustände sezierte. Immer wieder fährt die Kamera durch das akribisch nachgebaute und -empfundene Apartment in Greenwich Village, das John und Yoko 1971, nach ihrer Übersiedelung in die USA, bezogen hatten. Launig vor allem sind jene Momente, die zu Kollegen führen, Bob Dylan beispielsweise, der sich eines notorischen Fans zu erwehren hat. Oder Allan Ginsberg, der Fixpunkt wird.
Lange Zeit sah es so aus, als würde die US-Regierung Lennon/Ono ausweisen wollen, abschieben, entsorgen, wie sie es besonders in der McCarthy-Ära aus Gründen einer „Kommunisten-Phobie“ schon praktizierte, Verfolgung von und Repressalien gegen die eigenen Leute inklusive. Lennon, der sich als Teil einer „Rock-Befreiungsfront“ sah, ließ sich nicht den Mund verbieten. „Ich habe nicht vor, mich erschießen zu lassen“, klingt, in Anbetracht seines Todes 1980, extrem bitter. An einem Punkt besonders atmen seine Worte Zeitlosigkeit. Das gängige „bring the boys back home“, gemünzt auf die US-Soldaten im Vietnamkrieg, ergänzt er mit „bring the machines back home“. Mal darüber nachdenken!