Körners Corner - schreiben über Film


22. Februar 2026

Carla ist (wieder) PAULA

Für jene, die der Malerin Paula Modersohn-Becker durchaus etwas Kesses im Ton des Lebens und ihren drängenden Wunsch nach Sinnlichkeit gönnen wollen, war die Besetzung der Rolle mit der Schweizerin Carla Juri ideal. Zugegeben, es hat einige kernkompetente Kunst-Puristen verschreckt.
Für Regisseur Christian Schwochow waren diese Nuancen in PAULA – MEIN LEBEN SOLL EIN FEST SEIN aber wichtig und damit auch die Juri: „Ich habe eine Rebellin gesucht. Wer Carla Juri kennt, weiß von ihrem unangepassten Wesen. Diesen permanenten Kampf, trotz dieser starken Eigenwilligkeit Anerkennung zu finden, kennt Carla als Künstlerin ebenso, wie Paula ihn erlebte. Ich habe eine Darstellerin gesucht, die keine Angst davor hat, einem historischen Stoff mit natürlicher, eben nicht historisierender Spielweise zu begegnen, die einen Charakter an sich heranholen kann, obwohl er weit von ihr entfernt scheint. Nicht zuletzt habe ich jemanden gesucht, der Lust darauf hat, in der Rolle nicht nur sympathisch zu sein. Denn Paula war sicherlich auch nervig, anstrengend und egoistisch. Im Fall von Carla Juri habe ich etwas getan, das ich sonst in der Regel nicht mache: Ich habe sie überredet, bin nach London geflogen und habe sie um zwei Stunden gemeinsame Arbeit gebeten. Carla hat etwas Anarchisches, das sich trotz ihrer Professionalität auf ihr Spiel überträgt. Sie spielt intuitiv, ist extrem überraschend und geht beim Dreh Impulsen nach, die nicht verabredet sind. Das mag ich sehr. Und für Paula war es einfach richtig.“
Im Dezember 2016 kam PAULA – MEIN LEBEN SOLL EIN FEST SEIN ins deutsche Kino und gehört weiterhin zu den guten Stücken in der nicht enden wollenden Reihe mit Künstlerfilmen. Und Carla Juri? Gehört zu jenen Schauspielerinnen, die sich rarmachen, nur ausgewählte Projekte annehmen, die hier BLADE RUNNER 2049 drehte, dort ALS HITLER DAS ROSA KANINCHEN STAHL und zuletzt neben Diane Kruger EACH OF US. Ich durfte die heute in London lebende, 1985 geborene Schweizerin kurz vor der Premiere bei den Filmfestspielen Locarno besuchen und mit ihr sprechen. Jetzt, wo sie aus Anlass der großen Dresdner Modersohn-Becker/Munch-Ausstellung wieder PAULA sein darf, an der Seite von Albrecht Schuch als Otto Modersohn, gibt es die gesammelten Zitate unseres Gesprächs im Café in Airolo zu lesen. Diesmal für alle ...

Carla Juri über ihr Verhältnis zur Malerei:
Ich bin in einem kleinen Dorf im Tessin aufgewachsen. Mit den Werken von Giovanni Segantini und Alberto Giacometti, die hier in den Bergen entstanden sind, war ich als Kind konfrontiert und sie haben mich natürlich fasziniert. Ernsthaft gemalt habe ich selbst aber nie. Der Malunterricht, den ich für den Film genommen habe, half mir dabei, Paulas Gedanken und Empfindungen nachzufühlen. Beim Malen habe ich vor allem Selbstvergessenheit gespürt, das war mein Zugang zu Paula.

… über das Eintauchen in die Rolle:
Eine Filmrolle ist immer eine Entdeckung, immer ein Experiment. Ich kann sie nicht spielen, wenn ich keinen Zugang zur Figur finde. Das läuft manchmal von außen nach innen, manchmal umgekehrt. Es kann ein Haarschnitt sein oder die Art, wie eine Person läuft. Das ist ein physischer Prozess. Für PAULA war es vor allem eine Annäherung von innen. Es ging mir darum, sie über ihre Bilder und Briefe in ihren Emotionen zu verstehen. Manchmal hat mich nur ein einziger Satz getroffen, der dann sehr lange getragen und mich beschäftigt hat.

… über Paula als Frau:
Freiheit war ihr das Wichtigste. Frei zu sein im Innern, frei von äußerer Kontrolle. Sie hat es verstanden, sich komplett in sich zurückzuziehen, sich selbst zu genügen. Paula besaß große Empfindsamkeit. Gelitten hat sie darunter, dass sie so viele Menschen mit ihrer Kunst verschreckt hat. Trotzdem blieb Paula sich treu.

… über die besondere Nähe zu Paula:
Man sagt von ihr, dass sie es regelrecht gebraucht hat, kleine Feste für sich selbst zu feiern. Ich kann diese glückliche Einsamkeit sehr gut verstehen. Diese kindliche Genügsamkeit finde ich sehr melancholisch. Paulas Sinn für die Einfachheit, aber auch für das Merkwürdige und Originelle spricht mich an – ein Spiegel, ein Schrank, eine besondere Kette, das, wie Paula sagte, „sanfte Vibrieren der Dinge, das „merkwürdig Wartende, das über dumpfen Dingen schwebt.“ Paula hat sich geweigert, einfach nur schön zu malen und sich, wie sie sagt, „dem Schrecken der Gemütlichkeit“ hinzugeben. Es passte einfach nicht zu ihrem Entwurf von Leben. Sie hatte den unbändigen Willen, offen und empfänglich zu sein, sich nicht selbst zu verraten. Sie wollte sich mit der Welt messen. Das war gewiss oft erschöpfend und anstrengend, aber eben auch beglückend. Und es ist mir sehr nahe. Auch ihre Neigung, das vermeintlich Hässliche zu zeigen, ist mir nahe, weil ich Hässliches oft nicht als hässlich empfinde. Paulas Mut, missfallen zu dürfen und damit Außenseiterin zu sein, finde ich faszinierend. Wirklich zu verstehen, wie es war, so gut wie keine Spiegelung, keine Bestätigung von außen zu bekommen, fällt mir aber schwer.

… über Paula und Otto als Liebespaar:
Ich glaube, dass Otto inspiriert war von Paula, von ihrer Kunst und ihrem Wesen. Auf die gleiche Weise hat sie ihn sicher auch abgestoßen, was vor allem an ihrem starken Drang zur Freiheit lag. Ich glaube, dass sie die körperliche wie künstlerische Abweisung durch Otto geschmerzt hat. Weil es so schwierig war in dieser Zeit, als Frau über intime Bedürfnisse zu sprechen, hat es Paula hinter ihrem Kinderwunsch versteckt. Sie wollte Otto aber als Mann! Dass sie von Paris aus nach Worpswede zurückgekehrt ist, hat für mich allein damit zu tun, dass Otto verstanden haben muss, dass Paula Freiheiten braucht – in der Beziehung und im Malen. Und Paula hoffte, dass sie an Ottos Seite Künstlerin sein konnte. Es war ein Versuch …

… über den Zeitsprung von fünf Jahren im Film:
Ich sehe ihn vor allem als emotionalen Zeitsprung. Es war eine große Vereinsamung eingezogen in diese Ehe, eine gegenseitige Blockade. Ich glaube, dass Paula sich sehr danach gesehnt hat, dass Otto sie versteht. Ihre Hoffnung darauf war groß, auch jene auf Leidenschaft in der Beziehung. Paula fühlte sich von Otto ignoriert. Sie hat ihm nie Schuld zugewiesen, aber sehr ernüchtert festgestellt, dass er mit ihren, wie sie sagte, „wenigen, aber großen Gefühlen“ nicht viel anfangen könne.

… über das Moderne der Geschichte:
Paula und Otto haben versucht, keine Opfer ihrer Zeit zu sein. Sie haben in ihren Gedanken und mit ihrer Lebensweise dagegen angekämpft. Die Haltung, sich auch heute nicht zum Opfer von Konventionen zu machen, darin besteht für mich das Moderne an PAULA.

… über eine glückliche Kindheit:
Es macht etwas mit deinem Selbstwertgefühl, wenn du eine glückliche Kindheit hattest. Du kompensierst die schlimmeren Dinge einfach besser, die im Leben passieren. Paula hatte diese beglückende Kindheit. Sie hatte dieses Ur-Vertrauen, das ihr Mut gab.

… über Großstadt und Land:
Ich bin mit 15 aus meinem Bergdorf in der Schweiz auf die Schule nach New York gegangen. Dabei hat sich bei mir das erste Mal dieses innere Spannungsfeld zwischen Land und Stadt aufgebaut, das ich bis heute brauche. Ich glaube, dass auch Paula in ihrem Innern beide Seiten verstanden und gebraucht hat.

… über Film und Kino
Der Beruf der Schauspielerin war zuerst keine Option. Doch dann kamen die Filme, beispielsweise die von Federico Fellini. LA STRADA mit Anthony Quinn und Giulietta Masina, sie haben mich geprägt.

… über ihren Beruf als Schauspielerin:
Schauspieler sind für mich keine Künstler. Maler, Dichter, Bildhauer, das sind für mich Künstler. Ich sehe mich also nicht als Künstlerin. Der Beruf der Schauspielerin ist ein kommunikativer Beruf, der von großer Empathie für Menschen lebt. Schauspielerin zu sein, ist für mich vor allem Faszination für das Unbekannte.

… über die Arbeit mit Regisseur Christian Schwochow:
Ich entwickle keine Strategie beim Auswählen meiner Rollen. Ich habe Christian Schwochows WESTEN gesehen und wollte mit ihm drehen. Er ist ein sehr kommunikativer Regisseur. Wir haben uns gegenseitig gesehen. Wir wussten, dass wir PAULA zusammen entwickeln können.

… über die Arbeit mit Albrecht Schuch:
Das Ungesprochene zwischen Schauspielern ist mir sehr wichtig. Es ist sogar das Wichtigste. Mit Albrecht hat es wunderbar funktioniert. Ich habe ihn zuvor nicht gekannt, aber es gab sofort eine vertraute Ebene. Er war mir familiär. Durch das Lesen der Tagebücher und Briefe wusste ich außergewöhnlich viel von der Figur Otto Modersohns. Normalerweise ist das nicht so, da dominiert zumeist die eigene Rolle.

Post für Andreas Körner