3. März 2026
Tom Waits waits for you. Auf den Bühnen, im Plattenladen, auf der Leinwand. Doch, nein, im Grunde ist es umgekehrt. Er lässt warten, indem er sich rar macht. Und so begab es sich in den letzten drei Jahrzehnten, dass er nur im Kino seine regelmäßigsten Auftritte hatte. Neue Tonträger? Die Abstände wurden groß und größer, von 2011 datiert „Bad As Me“ als neuester. Konzerte? Wohl dem, der es je schaffte, irgendwo auf der Welt einen Auftritt zu erwischen. Ich könnte mich heute noch selbst dafür umarmen, im Jahr 1999 sehr schnell geschaltet zu haben und ohne großes Nachdenken, eher ferngesteuert, ein Ticket für eines von drei Juli-Konzerten der „Get Behind The Mule“-Tour im Berliner Metropol-Theater geordert zu haben, obwohl sich mein damals schon längliches Nackenhaar angesichts der Preise von 151,50 DM für Reihe 16, Platz 7 stramm aufgerichtet hat. Im Grunde aber lag nur ein einziges Gefühl in der Luft: Mach’ das! Du musst das! Die Gelegenheit kommt so schnell oder gar nicht mehr wieder! Und, hey, es ist TOM WAITS!
Von heute aus besehen: Alles richtig gemacht! Waits war wohl 2004 noch mal da, seitdem nicht mehr. Dieser Mann an diesem Ort mit dieser Band und diesem Programm – instant classic! Da ich sogar darüber schreiben durfte, legte ich mich angemessen ins Zeug. Auszug aus den DNN von damals: „Noch bevor der Maßschneider des globalen Dunkelhutes das kleine Podest auf der Bühne erbuckelte, standen seine Fans auf dem Prüfstand. Die Termine nuschelte man sich im Kreis herum wie die unklare Nachricht von der Ankunft des grünen Esels im Dorf... Tom Waits wählt bewusst Theater für seine Auftritte. Alles, was man mit dem altehrwürdigen Metropol in der Friedrichstraße vorhaben wird - kaputtsanieren, abreißen, wiederbeleben - kann nun in Angriff genommen werden. Wie von Geisterhand fügte sich der morbide Charme des Hauses mit der vokalen, instrumentalen und visuellen Rauchmeldung des weltweit einzigen Waits und seiner Vierer-Band zu zweieinhalb Stunden, in denen draußen hätte wahrscheinlich alles passieren können. Der Kokon dieser Kunst bot Schutz und Rettung. In der Qualität des Abends lag eine Folgerichtigkeit, gegen die man sich vielleicht zunächst stemmen mochte. Da war der Wunsch, Waits möge nur halb so spannend sein wie in den Filmen im Kopf, in den vernebelten Bildern und abstrakten Zeichnungen, die seine Songs assoziieren. Es ist so banal, die tausendfach gelesenen Wortschöpfungen vom „whiskeyschwangeren Troubadour“ zu variieren, vom ,,die Bar ist dort, wo T.W. singt“, vom Blues, der keiner Form genügt, von den morastigen Liebes-Balladen, den unheilvollen Stimm-Wandlungen zwischen Krächzen und Bellen, Grunzen und Schnurren, vom staubigen Blatt am Bukowskischen und Weillschen Stammbaum - das ist so ausgelatscht wie ein Yeti-Schneeschuh. Tom Waits war genauso wie wir ihn wollten. Schlurft mit Hut und Cowboystiefeln in den Lichtspot. Halbdunkel ist geprahlt. Staub dringt später aus seinen Stiefeln und aus dem Megaphon, die mehr sind als Requisiten. Was macht der Körper nur mit ihm? Zuckt wie das menschgewordene Physikexperiment vom Froschschenkel im Gewitter, ist Pantomime, Aktionist, seine eigene Marionette. Dann sitzt er halbrund am Piano wie der Schalk in seinem Nacken - Ronjas Räuberbruder… Nein, Tom Waits liefert nicht das Konzert des Jahres. Er startet außer Wertung. Und singt ,,Jesus Gonna Be Here“. Was, der auch noch?“
Niemals habe ich 151,50 DM so wenig nachgetrauert wie diesen. Und immer, wenn Tom Waits – heute immerhin 76-jährig – im Kino auftaucht, kommen die Bilder und Töne, fluiden Stimmungen und Segnungen des Berliner Abends hoch. Seine besten Rollen, die sehr gern Nebenrollen oder Figuren in Episodenfilmen sind? An der Seite von Lily Tomlin in SHORT CUTS, als Goldsucher in THE BALLAD OF BUSTER SCRUGGS und Bankräuber in EIN GAUNER & GENTLEMAN. Weshalb keine Filme von Jim Jarmusch dabei sind? Weil auch sie außer Wertung starten und zwar alle, die die beiden Buddies je vereinten und noch vereinen sollen, von DOWN BY LAW, MYSTERY TRAIN (weil nur mit Stimme) und COFFEE AND CIGARETTES bis, ja, bis FATHER MOTHER SISTER BROTHER.
Nimmt man schlichtweg an, setzt, besser gesagt, voraus, dass man sich der Synchrosünde verweigert und Jarmuschs bislang letztes Stück als OmU gibt, zieht Tom Waits ein nächstes Mal alle Register, auch die akustischen. Wie, bitte, sollte eben dieses zarte Grunzen zwischen den Vokalen angemessen „synchronisiert“ werden? Wenn der alte Witwer Sohn und Tochter in seiner Rumpelkammer empfängt, mit Schlummbummbihose an dünnen Beinen und Rolex am Arm („Gefälscht!?) Wasser und Tee serviert und damit anstößt. Wenn sie sich gemeinsam an frühere Keks-Hühnchen erinnern und heute so gut wie gar nichts mehr miteinander anfangen können. Wo die Kinder ihr blaues Wunder erleben würden, kämen sie mal unangemeldet zu ihrem Dad …
Jim Jarmusch hat in FATHER MOTHER SISTER BROTHER als präziser Observierer drei Generationenepisoden verflochten. Die Raumtemperaturen schwanken zwischen Eisgrenze und wohliger Wärme. Das Wichtigste aber ist, dass im Falle Tom Waits das Warten endlich wieder ein Ende hat.