19. Mai 2025
Kurzes Rückspulen zur März-CORNER mit Josef Hader. Nur Stunden zuvor wurde mir die noch unfertige Fassung eines Streifens zugespielt. Ein „deutscher Kabarettfilm“ sollte es sein, Hader käme auch drin vor. Was ich dann sah, war zwar a u c h ein deutscher Kabarettfilm, vor allem aber war es ein Film über Vater und Sohn und deren gemeinsame Familiengeschichte sowie ein überaus anregendes Stück über spannende westdeutsche Historie der Siebziger und Achtziger, die sich in der Bonner Republik manifestierte und die wir hier nur aus dem Fernsehen kannten, im Raum Dresden nicht mal von dort.
Noch in der Veranstaltung fragte ich ins ausverkaufte Rund, ob man denn vielleicht auch kommen würde, wenn es uns gelänge, die beiden Protagonisten aus FRITZ LITZMANN, MEIN VATER UND ICH nach Dresden zu holen. An die 37 Hände gingen hoch. Jetzt freue ich mich darauf, wenn die dazugehörigen Gäste ihre nett gemeinte Ankündigung am 27. Mai zur CORNER #107 in die Tat umsetzen. Wir machen Pause! Rainer und Aljoscha Pause ...
Doch Rückenwind sieht anders aus! Allein der Tourplan zur Deutschlandpremiere zieht eher den angestammten regionalen Zirkel. Vater und Sohn Pause reisen von Bonn und Düsseldorf nach Köln und Berlin – mit Zwischenhalt nur in Dresden. Rainer Pause residiert seit Jahrzehnten in der ehemaligen bundesdeutschen Hauptstadt und etablierte sich dort zur anerkannten und geschätzten Institution im politischen Kabarett. Direkt neben dem Bundeskanzleramt gründete er 1987 das Pantheon, eine, wenn nicht d i e erste Adresse in der gesamten deutschsprachigen Szene. Bis heute übrigens, wenngleich an anderem Ort in Bonn. Neben dem Ausformen einer eigenen Figur – eben Fritz Litzmann, ein schon in jungen Jahren alter Mann mit ordentlich Pfeffer im Mundraum – bot Pauses Kabarettheater allen angesagten Künstlern eine Bühne und lebte die Freiheit im Wort. Doch Rainer Pause, Jahrgang 1947, wollte mehr. Und so wurde der von ihm 1995 ins Leben gerufene „Prix Pantheon“ zum wohl wichtigsten Satire- und Kleinkunstpreis und gleichzeitig zum Sprungbrett für den Nachwuchs.
Doch, wie gesagt, FRITZ LITZMANN, MEIN VATER UND ICH zeigt weit mehr als das Porträt eines einflussreichen Kabarettisten. Ist sehr komplex. Sehr erhellend. Sehr unterhaltsam. Sehr ehrlich. Regisseur Aljoscha Pause bringt sich selbst offensiv ein. Ja, er ist der Regisseur, und ja, er ist Rainer Pauses Sohn. Was fragt: Wie war das Leben als Kind, Jugendlicher, Erwachsener neben einem Künstlervater, für den es eigentlich nur die Arbeit gab? Der abends meistens fehlte? Der zudem de facto war, was man „alleinerziehend“ nennt und das in sozialen Umständen, die ihre Basis in den Kommunen der 68er hatten, im Protest, im Freigeist? Vorweggenommen, es war schwierig und gleichzeitig positiv herausfordernd für Aljoscha. Sein Film ist viel mehr als eine interne Rundfahrt – mit üppigem Material aus Archiven, mit speziellen Animationen, offenen Gesprächen mit dem Vater, Interviews mit Vaters und eigenen Wegbegleitern. Allein das Spektrum der „öffentlichen“ Namen sorgt wohl bei vielen für ein viel größeres Aha als beim Namen Rainer Pause selbst: Georg Schramm, Sebastian Pufpaff, Oliver Masucci, Nina Hoger, Helge Schneider, Carolin Kebekus, Gerhard Polt, Florian Schroeder. Und mit Bastian Pastewka war Aljoscha Pause in der Schule, wenn er denn überhaupt in der Schule war …
Wir freuen uns außerordentlich, mit Rainer Pause eine deutsche Künstlerkoryphäe und mit Aljoscha Pause, der übrigens preisgekrönter Sportjournalist geworden ist, einen Filmer in der CORNER zu haben, der dieses überragende Künstlerleben auch auf eine persönliche Ebene holt. Rein filmisch wäre im gängigen Verkaufsdeutsch zu klingeln: „FRITZ LITZMANN, MEIN VATER UND ICH könnte Ihnen gefallen, wenn sie WALCHENSEE FOREVER, BETTINA WEGNER, DIE UNBEUGSAMEN sowie VERGISS MEIN NICHT mochten.“