10. Mai 2025
Letzte Nacht auch gestreamt? Ich jedenfalls war ab 19 Uhr dreieinhalb Stunden lang zwischen selbst auferlegter Pflicht, purer Gewohnheit und satter Neugier Zeuge des ZDF. Es gab die Filmpreisverleihung 2025, moderiert von Christian Friedel, „benotet“ von seiner Band Woods Of Birnam. Da kam so einiges zusammen, auch im Nominierungskanon, der diesmal nicht nur in den wichtigsten Positionen ziemlich ausgewogen besetzt war und den starken deutschen Jahrgang adäquat abbilden konnte – so adäquat Preisverleihungen eben sein dürfen. Same procedure as every Lola.
Dass mit SEPTEMBER 5 (zehn Nominierungen, neun Lolas) wieder mal nur Einer über das Gucknest flog – geschenkt! Weil Tim Fehlbaums Kammerthriller wirklich stark ist, Leonie Benesch sowieso und das Drehbuch nicht minder. Andreas Dresens IN LIEBE, EURE HILDE (zwei Lolas) wurde mit Bronze in der Königsdisziplin und der Trophäe für Liv Lisa Fries angemessen bedacht, sehr würdig ist zudem die Ehre für PETRA KELLY - ACT NOW! im Dok-Sektor, (endlich) Godehard Giese bei den Nebendarstellern und Misagh Zare in der Hauptrolle für DIE SAAT DES HEILIGEN FEIGENBAUMS.
Dass der gesamte Abend sogar im ungeschnittenen Stream ziemlich kurzweilig geriet, lag dann schon an Christian Friedel, der so gar nicht den überambitionierten und gestelzt witzigen Moderator heraushängen ließ. Es lag aber auch am Gewicht der Filme an sich und diesem tränenreichen Moment des Abschieds von Margot Friedländer, die im letzten Jahr noch persönlich auf der Lola-Bühne stand – und tat, was sie stets auf so tiefe menschliche Weise tun musste: mahnen. Laudator Igor Levit hatte die Nachricht vom Tod der 103-Jährigen erst Minuten zuvor backstage erfahren. Man kann und sollte nur den Hut davor ziehen, wie der Pianist damit umgegangen ist. Levit hatte im Grunde „nur“ die Sparte Filmmusik zu lobpreisen. Er kam dazu noch. Und übergab die Lola an Dascha Dauenhauer, die – wie Sam Riley und Alexander Scheer – gleich doppelt nominiert war. Es ist Rille, wofür die Komponistin letztlich gewonnen hat. Dass es nicht KEIN TIER. SO WILD. (nur diese eine Nominierung!) geworden ist, mag schade sein.
Denn Burhan Qurbanis Zweieinhalbstundenwerk ist waghalsiges Kino. Dauenhauers zeitgenössische Musik ist famoser Teil einer extrem heutigen Inszenierung, die sich stilistisch, ästhetisch wie inhaltlich völlig kettenlos gibt, befreit also, mutig. Nimmt man allein die Tatsache, dass dem Film als Vorlage Shakespeares „Richard III.“ zur freien Adaption zu Grunde liegt und parallel gerade Michael Lockshins DER MEISTER UND MARGARITA von Bulgakow auf der Leinwand zu sehen ist, so kennt der – zugegeben, tückische direkte Vergleich – nur einen Sieger. Denn Letzterer ist des schlichten Budenzaubers einfach zu viel. KEIN TIER. SO WILD. will gleichsam eine Menge, bordet an manchen Stellen völlig über, wird sehr deutlich in parallel gezogenen Linien zum Heute, aber er packt ganz anders zu und bringt mit der Theaterschauspielerin Kenda Hmeidan eine unfassbare (Fast-)Filmnovizin in der Titelrolle, in der sie statt Richard Rashida heißt und sich zur Chefin eines Clans inmitten von Berlin empor wälzt, schreit, flüstert, drängelt und morden lässt.
Burhan Qurbani setzt nach WIR SIND JUNG, WIR SIND STARK und BERLIN ALEXANDERPLATZ seinen eigenwillig abgesteckten Weg im deutschen Film fort, indem er alte und neue Sprache zu altem und neuen Text fusionieren lässt, eine drängende optische Vision entwirft und auf exzellente Weise mit Schauspielern arbeitet. „Gesenkte Häupter köpft man nicht!“, heißt es in „Richard III.“. Burhan Qurbani schaut aufrecht. Sehr aufrecht!