8. Mai 2024
Zunächst und ganz dringlich: Herzlichen Dank für all die Glückwünsche zur 100. „CORNER – reden über Film“ am Tag der Arbeit! Die überreichten Weinflaschen sind ausgetrunken oder harren eines nächsten würdigen Anlasses. Der Apfelbaum, den ich von Jana Engelmann und Sven Weser am Abend mit Robert „Peng“ Gwisdek und seinem „Gefolge“ Kreisfilm überreicht bekam, ist versorgt, eingepflanzt und getauft. In den Dresdner Neuesten Nachrichten erschien im Kulturteil fast eine ganze Seite über unsere Veranstaltungsreihe, die sich schon vier Tage später auf zu einer weiteren Folge machte. Regisseur Matthias Glasner kam zu seinem neuen Film STERBEN – und auch das war, wie die Begegnung mit dem Dritten aus der Gwisdek-Harfouch-Familie zuvor, ein ganz wunderbarer, sehr eigener Abend. Danke auch dafür in die Schorfheide und nach Berlin, wo Matthias Glasner – das hat er uns verraten – an einer noch ausführlicheren Serien-Version seines jetzt dreistündigen Werks arbeitet.
Apropos: Purer Zufall war es ja, dass die 100. und 101. CORNER genau vor und nach der Verleihung des Deutschen Filmpreises datiert waren. Robert Gwisdek war als Bester Nebendarsteller für STERBEN nominiert – und bekam keine Lola. STERBEN war ganze neun Mal nominiert – und bekam vier Lolas, darunter den Hauptpreis in Gülden für den „Besten Film“. Matthias Glasner war verdientermaßen noch etwas müde vom Feiern, als er zur sonntäglichen Matinée ins Ost reiste. Übrigens hat es sehr gut funktioniert mit der Premieren-Matinée! Wir werden uns das merken …
Noch mal zurück zum Filmpreis. Die Vergabemodalitäten wurden leicht angepasst, es gab keine Vornominierungen von Jurys mehr, sondern alle über 2300 Mitglieder der Deutschen Filmakademie wählten die Sieger in den Kategorien direkt. Der Ruf genau danach war in den vergangenen Jahren laut geworden. Jetzt hört man schon wieder, dass die alte Vergabepraxis (es hängt schließlich auch Geld dran) dann doch besser war, nur die Besetzung der Jurys nicht ausgewogen genug. Die Diskussionen kulminierten ja im vergangenen Jahr, als man Christian Petzolds hervorragenden ROTER HIMMEL beim Filmpreis glattweg „vergessen“ hatte.
Sei es, wie es sei: Was stabil bleibt, ist die Tatsache, dass es in diesen Breiten so unglaublich schwer ist, als Zuschauer der Zeremonie Spaß zu haben. Jahrelang bin ich selbst nach Berlin gefahren, bevor mir die Lebenszeit einfach wichtiger war. Jetzt schaue ich drei Stunden TV. Oder besser Stream, da beginnt das Prozedere pünktlich 19.30 Uhr und der Abend kann danach noch sinnvoll gestaltet werden. Immer wieder – und da ist die Lola nicht anders als Oscar, César oder Goya – steht und fällt die Verleihung mit den bestellten Moderatoren.
Ein Highlight war zuletzt Edin Hasanovic, vor allem auch mit der virtuellen Variante, als das Virus ein C im Namen trug. 2024 aber folgte der nächste Tiefpunkt mit einem ganzen Ansage-Rudel mehr oder minder inspirierter Film-Menschen. Jürgen Vogel stand hinter einer stilisierten Bar und schaute TONY ERDMANN, Jasna Fritzi Bauer bekam die Laus nicht verscheucht, die ihr mutmaßlich am Nachmittag über die Leber gelaufen war und Checker Tobi hatte schlichtweg die Sendung verwechselt. Nein, Meister, es war eben kein Kinderfernsehen!
Es gab Momente, natürlich! Margot Friedländers nächste Mahnung zum Menschlichsein am Arm von Wim Wenders war ohne Einschränkung bewegend. Hans-Uwe Bauer, der demente Gerd Lunies aus der STERBEN-Familie, war es auch. Besonders aber die Ehren-Lola – Hanna Schygulla. Charmant, witzig, launig, nachdenklich, entspannt und gerade heraus war die Dankesrede der 80-Jährigen. „So viel Ehre! Früher konnte ich dieses Wort überhaupt nicht leiden. Jetzt fühle ich doch, dass es mir auch gut tut. Und ich bin ja eigentlich immer noch dabei. Man nennt mich jetzt so oft Ikone. Ich sehe mich als Ikone, ja, warum nicht … Eine Ikone, die ab und an aus ihrem Goldrahmen steigt.“ Auch nachzusehen! Allerdings nur in der eingedampften ARD-Version fürs Fernsehen. Dort fehlt der letzte Satz. Es gibt an dieser Stelle null Punkte für Schnitt.