13. Mai 2024
Alles so schön normal hier! Die Ente fährt Motorroller, der Hund heißt Dog, mit ihm im Haus wohnen Huhn und Katze als Pärchen und die Makkaroni mit Käse aus der Mikrowelle hängen dem Vierbeiner längst zur Schnauze raus. Dass er so dermaßen einsam ist, schmeckt dem Hund noch weniger.
Die TV-Werbung verheißt mit dem Bausatz „Amica 2000“ Abhilfe. Ein Roboter gegen häusliche Traurigkeit – her damit! Schwanzwedelnd vor lauter Aufregung schraubt Dog geschickt die Teile zusammen und siehe da: vier grüne Punkte leuchten nacheinander auf, Robo öffnet seine Augen, richtet sich auf und läuft stabil. Die Welt hat zwei Freunde mehr – ohne weitere Vorbedingungen.
Die oft so gescholtene Vermenschlichung von Tieren im Animationsfilm wird hier niemals auch nur ansatzweise verleugnet, denn in ROBOT DREAMS fehlen Zweibeiner völlig. Im stilisierten New York der 80er Jahre lungern Tiere als Punker vor Schaufenstern, spielen Kraken im U-Bahn-Tunnel Percussion, laufen zum Edelhit „September“ von Earth, Wind & Fire wilde Rollschuhfahrten. Dieser Song übrigens wird für Dog und Robo eine sehr weitreichende Bedeutung bekommen. Denn, auch das sollte verraten werden, die lustigen Abenteuer am und vor allem im Meer hätten die beiden besser bleiben lassen sollen. Salz in Verbindung mit Blech und Wasser war schon damals keine besonders gute Idee für die Funktionalität von Mechanik.
Was für ein schöner (Familien-)Trickfilm! Zu Herzen gehend, sinnlich gezeichnet und animiert, lädt er so detailversessen wie akribisch zum Entdecken jedes versteckten Details ein. Es gelingt umso besser, da es außer Geräuschen hier nichts zu hören gibt: keine gestelzten Witze, keine Traurigkeit per Knopfdruck, nein, überhaupt keine Dialoge. Die spanisch-französische Koproduktion von Regisseur Pablo Berger (der, wir erinnern uns gern, schon mit BLANCANIEVES Schneewittchen vom Staub befreite) erinnert ältere Kinogänger schwer an früher, als alles noch so schlicht war und dennoch punktgenau. Vielleicht an den großen Belgier Hergé und dessen TIM UND STRUPPI oder die klaren Linien und Schatten der Franzosen oder an das Oeuvre des Dresdner Trickfilmstudios. Insofern sind besonders Enkel mit Großeltern eingeladen sich anzuschauen, wie sich ein Roboter monatelang in seine eigenen Traumwelten begeben muss, bevor man ihn von Sand und Strand befreit, während Dog seine tiefe Verlusttraurigkeit nach und nach in Aktionismus verwandelt.
Dass ROBOT DREAMS in New York spielen muss und nicht in Madrid oder Paris, ist schade. Der Grund: eine US-Graphic-Novel diente hier als Vorlage. Ein sehr böser Mensch ist, wer spekuliert, es hätte an kollektiver Gier nach einem Oscar gelegen. Die Nominierung für 2024 hatte der Film schon mal, dabei aber ist es geblieben. Gut so! Denn wichtige europäische Trophäen, die hat er bekommen.