Körners Corner - schreiben über Film


6. Januar 2026

Das Ozon-Loch, eine Lüge!

Nicht das Datum des deutschen Bundesstarts ist entscheidend für die „Betriebstemperatur“ eines Regisseurs resp. einer Regisseurin, sondern der Tag der Heimatpremiere. Lange nichts vom Italiener Nanni Moretti gehört? Dann liegt es daran, dass ein deutscher Verleih erst demnächst wieder mal versucht, seine augenzwinkernde Komödie DAS BESTE LIEGT NOCH VOR UNS ins hiesige Tagesprogramm zu pressen. In Italien war er 2023 im Kino. Morettis französischer Kollege François Ozon hat es da viel besser. Er hat längst „seinen“ hiesigen Verleiher gefunden, der ihn bestens betreut, schätzt und auch seinem ausgeprägten Arbeitseifer nicht im Wege steht. Ein Film pro Jahr? Kein Problem für den heute 59-Jährigen. Das Ozon-Loch, eine Lüge!
Hatten wir erst im Spätsommer mit WENN DER HERBST NAHT die Pilzsaison eingeläutet und auf elegante Weise davon erfahren, wie clever man das Gift der Waldfrüchte für Verwandte dosieren und damit auch noch durchkommen kann, widmet sich François Ozon diesmal großer Literatur. Er räumt auf beeindruckende Weise, optisch wie inhaltlich, mit dem voreiligen Urteil auf, DER FREMDE von Albert Camus, 1942 als Roman erschienen, sei unverfilmbar, nur weil schon der große Visconti 1967 daran gescheitert ist. Ozon packt den Stoff, eines der meistgelesenen Welt-Bücher überhaupt, mit sicherer Hand. Und, clever genug, mit einem Ensemble, in dem Gesichter auftauchen, die bereits vor seiner „Klappe“ gestanden haben. Hier sind es zuvorderst Pierre Lottin, Rebecca Marder und Benjamin Loison.
Letzterer mit besonderer Herausforderung. Denn der jugendliche Wildfang aus SOMMER 85 weicht nun einem introvertierten, wortkargen, regungsarmen, schier emotionslosen Mann, einem Treibholz des Alltags, der Zeilen zu spielen hat wie „Ich habe es mir abgewöhnt, mich selbst zu befragen“. Oder „Ist mir egal!“ und „Wie kann man das wissen?“ Meursault, Loisons Charakter, redet, wenn er denn überhaupt redet, gern im Stile des Telegramms, das er im Algier der späten Dreißigerjahre bekommt: „Mutter verstorben. Beisetzung morgen.“
Wie schreibt Camus im Vorwort der US-Ausgabe seines Buches: „Jeder Mann, der bei der Beerdigung seiner Mutter nicht weint, läuft Gefahr, zum Tode verurteilt zu werden.“ Bei François Ozon startet Meursault nicht mit dem tränenlosen Abschied von Maman, sondern mit einem, natürlich knappen, Satz in einer algerischen Massenzelle als Antwort auf die Frage, was er getan habe: „Einen Araber getötet!“ Später vor Gericht hat er dann die nächste, natürlich knappe, Antwort parat, diesmal auf die Frage nach dem Warum: „Es war die Sonne!“ Die Sonne also, die ihn täuscht.
Wo sich so viele Literaturadaptionen gern im berechenbaren, bemühten und letztlich zum Scheitern gezwungenen Modernisieren ergehen, setzt François Ozon auf eher beiläufige Akzente. Wissend, dass, O-Ton Ozon, „jede Adaption naturgemäß ein Element des Verrats beinhaltet, das man akzeptieren muss.“ Er stärkt die auf Papier kaum sichtbaren Frauenfiguren, schärft das in Frankreich noch immer spürbare Kolonialthema, befragt den Umgang mit Menschen, die sich in Stein gemeißelten gesellschaftlichen Richtwerten, auch der Moral und Teilhabe, widersetzen. Die sind, wie sie sind. Albert Camus’ Tochter Catherine, die seinen Nachlass verwaltet, sagt dazu: „Eine großartige Reise durch das Werk meines Vaters, mit größtem Respekt umgesetzt. Bravo, François, und danke!“ Gegenteilige Meinungen? Und im Abspann läuft The Cure ...

Der Beginn des 26er Arthaus-Kinojahres badet auf der Leinwand in prägnantem Schwarz-Weiß. Nach DER FREMDE werden schon bald SILENT FRIEND und wenig später SIE GLAUBEN AN ENGEL, HERR DROWAK? zu diesem Stilmittel greifen und zwar nicht aus Gründen der Attitüde, sondern sinnig, sinnlich, siegreich. Vorfreude, schönste Freude – auch und gerade nach kürzlich vergangenen Festen.

Post für Andreas Körner