Körners Corner - schreiben über Film


19. Januar 2026

Luna forsch(t)

Schön, wenn sich Erwartungen erfüllen, die man gar nicht hat. Es sind eher Wünsche, Ahnungen, es ist vorauseilendes Wissen. Schön also, wenn man schon nach der ersten Begegnung weiß, dass eine bis dato unbekannte junge Schauspielerin fortan zu den wichtigen Gesichtern im deutschsprachigen Film zählen wird. Warum deutschsprachig? Weil man sie durch den vereinfachten „Zugriff“ eben am besten verfolgen kann.
Und so begab es sich vor auch schon wieder fast neun Jahren, dass mit der Schweizerin Luna Wedler eine damals 19-Jährige auf der Leinwand auftauchte und ihr vom Start weg bescheinigt werden sollte, dass sie genau dafür wie geschaffen sei. Intuitive Präzision war zu sehen, unschlagbare Natürlichkeit und, wie sich herausstellen sollte, potenzielle Wandelbarkeit auch im Jahrhundertschritt.
Als Luna Wedler also vermeintlich in Aron Lehmanns ziemlich pfiffigem Jugendfilm DAS SCHÖNSTE MÄDCHEN DER WELT (2018) debütierte und für den Regisseur nochmals im putzigen WAS MAN VON HIER AUS SEHEN KANN (2022) wiederkehrte, hatte sie schon ihr halbes Leben vor der Kamera zugebracht. Mit 14 war sie in der Schweiz zu einem ersten Casting gegangen und hatte die Rolle bekommen. Die nächsten auch. Zwei Ausbildungsjahre an der Zürcher European Film Actor School folgten, erste Preise, nächste Preise, die volle Aufmerksamkeit. Und ab da ging es glatt mit Luna. Hat es den Anschein. Der ernsten Romanze DEM HORIZONT SO NAH (2019) folgte mit Christian Schwochows Drama JE SUIS KARL (2021) ihre endgültige Ankunft im hiesigen Programmkino. Für die Arbeit am Presseheft durfte ich sie kennenlernen und wurde nicht enttäuscht. „Für mich ist es einfach ein krasser und intensiver Film“, sagte sie damals. Als 18-jährige Maxi verliert sie ihre beiden Brüder und die Mutter bei einem Terroranschlag in Berlin und wird durch einen neo-rechten Verführer in eine Szene gelockt, die ihr Halt zu geben scheint. Den Verführer spielte Jannis Niewöhner und für beide gab es im vergangenen Jahr, als Luna Wedler 22 BAHNEN schwamm, ein Wiedersehen.
Entweder hat sie ein besonders gut ausgeprägtes Gespür oder einen idealen Beraterstab oder beides. Denn ähnlich wie beispielsweise die großartige Luise Heyer hat sich Luna Wedler zwischen Multiplex und Kiezkino in eine ordentliche Position gebracht. In diesen Wochen belegt sie wieder ein Zimmer im Arthaus. Bevor Mitte Februar der vor Fantasie und Ideen nur so strotzende, am Ende vor allem mutige SIE GLAUBEN AN ENGEL, HERR DROWAK? starten wird, stand Luna Wedler - nach THE STORY OF MY WIFE (2021) - wieder für die Ungarin Ildikó Enyedi vor der Kamera. In SILENT FRIEND verkörpert sie Grete, die 1908 in Marburg vom Graumännergremium der Professoren zwar gehörig in die Mangel genommen, aber letztlich doch, als erste Frau der Marburger Universität überhaupt, zum Biologiestudium zugelassen wird. Danach entdeckt sie eine zweite, fast noch größere Liebe als die zur Wissenschaft: Fotografie. Grete komponiert im Studio Pflanzen auf inspirierende Weise. Nicht nur Robert Mapplethorpe wird es später auf die gleiche Weise tun …
In Enyedis sinnlichem und bildgigantischen Triptychon der Epochen - SILENT FRIEND verbleibt in Gretes Zeit, verwebt aber zudem Stränge in den frühen 70ern und 2020ern – bekommen Pflanzen eine exponierte Position, nicht nur der prachtvolle Ginkgo biloba im Unipark, auf den sich jetzt die komplette Journallie stürzt. Und was für ein grandioser Einfall ist das denn: Alle Pflanzen, die in zweieinhalb abbremsenden Leinwandstunden vorkommen, werden im Abspann mit ihrem lateinischen (in Großbuchstaben) und englischen Namen genannt. Wie die beteiligten Menschen vom Team und die Schauspielerinnen und Schauspieler. Wie Luna Wedler.

Post für Andreas Körner