Körners Corner - schreiben über Film


2. Mai 2025

Der perfekte Aufschlag

Auch in diesem Jahr gibt es im Programm der Französischen Filmtage wieder die schöne Rubrik „Übersehen“. Einige der glatt durchgerutschten Werke der letzten Monate, allerdings regional begrenzter Herkunft, sind dort zu sehen. Wer wüsste nicht, dass im tagtäglichen Angebot der Filmkunsttheater die verpassten Gelegenheiten, allein auf Grund der Fülle neuer Streifen, einfach dazugehören. Vielleicht, nein, ganz sicher, gibt es auch deshalb diesen Blog!
Und da wäre schon wieder ein potenzieller Kandidat, der das Übersehen einfach nicht verdient hat. JULIE BLEIBT STILL aus Belgien steht einerseits in einer Reihe solch brillanter Filme dieses Landes wie CLOSE und GIRL, beide von Lukas Dhont, oder jener der Dardenne-Brüder. Ganz stark gespielt, ganz stark erzählt, zurückhaltend in der Inszenierung, ohne großes Tamtam ins Kino gebracht. Allerdings trägt Leonardo van Dijls Drama auch etwas an der Last sehr einseitiger Kurzbeschreibungen. Ja, es ist ein Film aus dem Tennismilieu – doch es könnte auch Turnen sein, Schwimmen oder Musik. Nein, es ist kein Film aus dem Tennismilieu - er meint die Dinge des Alltags, des Heranwachsens mit allen Tücken und dem Druck der Verwerfungen von außen.
JULIE BLEIBT STILL nimmt eine junge Frau ins fast gnadenlose Visier. Sie und ihr Schweigen, ihr innerer Kampf jenseits von Netz, Schläger und Ball ziehen unbarmherzig in den Bann. Das, es sollte gleich am Anfang stehen, liegt natürlich an Debütantin Tessa Van den Broeck, Jahrgang 2006, für die es im englischen Filmsprachgebrauch das so zutreffende Wort des „Introducing“ gibt. Da wird in den Schrifttafeln nicht einfach der Name der Darstellerin genannt, da steht eben „Introducing“, weil es das Ereignis eines „erstmaligen Bekanntmachens“ meint. So ins Deutsche zu übersetzen, dass es wirklich stimmt, geht schlecht.
Tessa spielt Julie, ein begnadetes Talent. Stipendiatin an einer privaten Tennisschule, Kandidatin für die belgische Elite - demnächst. Ehrgeizig, zielstrebig, fokussiert - schon jetzt. Doch Julie belasten Erfahrungen mit ihrem Trainer Jérémy. Einerseits hat er wohl das aus ihr gemacht, was sie sportlich repräsentiert, wo sie mit sich und dem Tennis hin will. Andererseits sind Dinge geschehen. Früh im Film wird Jérémy als Trainer suspendiert, ebenso früh erfahren die Jugendlichen vom Selbstmord eines Mädchens ihrer Schule. Es gibt Fragen und Befragungen, Eltern wie Kollegium ringen um Aufklärung, die jungen Menschen sind verstört, mit sich und anderen und zunehmend mit Julie. Was weiß sie? Was würde sie am liebsten nicht wissen wollen? Was hat sie selbst mit Jérémy erlebt? Warum hält sie als Einzige noch Kontakt zu ihm, Betonung auf „noch“?
Regisseur Leonardo van Dijl, selbst Langfilm-Debütant, reizt Julies hartnäckiges Schweigen aus, ohne es bloßzustellen, weil Tessa Van den Broeck Julies inneres Gären und ihr Ringen beim Abwägen über kleine und kleinste Zeichen, kleine und kleinste Schritte nach draußen bringt, ohne Julie auszuliefern. Alles läuft über Beiläufigkeiten, Alltäglichkeiten, ja, Normalitäten, das Spektrum dahinter aber ist immens.
„Manches Schweigen ist sanft, manches ist laut. Zuweilen ist es brutal, zuweilen ist es ermächtigend. In Julies Schweigen einzutauchen, war eine unglaubliche Reise. Es kann jetzt euch gehören“, sagt Leonardo van Dijl. Und eines sei auch noch erwähnt: Für denjenigen, der Filme in jedem Falle auserzählt haben möchte, der mit Auslassungen, Lücken und Andeutungen nur schwer umgehen kann, dem der eigene Film im Kopf nicht viel taugt, wird das Übersehen kein Verpassen sein. Für den Rest aber ist JULIE BLEIBT STILL, auch filmästhetisch, ein perfekter Aufschlag.

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