Körners Corner - schreiben über Film


28. März 2025

Diagnose: Überwältigungskino

Natürlich kauft Clotaire die Langspielplatte von The Cure nicht, er klaut sie. Und natürlich kann er Jackie damit nicht beeindrucken, denn als bissfester Fan der Band hat sie die Platte längst. Ein wenig Eindruck aber hinterlässt der 17-Jährige beim zwei Jahre jüngeren Mädchen allemal. Jackie auch bei ihm, denn sie beherrscht blitzgescheite Retourkutschen auf verbale Frotzeleien perfekt. Zeitig steht es 1:1 zwischen beiden, die Pole sind justiert, die Marschrichtung klar: Liebe in Zeiten des Heranwachsens. Da sind zwei auf Kribbelkrabbeltour.
Bei Clotaire als Sohn eines Hafenarbeiters in Lille ist das Herumlungern Profession. Schule? War einmal. Heute ist sie bestenfalls eine willkommene Einrichtung, um draußen Girls zu checken, die noch hinein gehen. Betont lässig kaut Clotaire auf seinem Kaugummi, an Jackie aber, die weitaus geordneter lebt als er, wird er sich zunächst die Zähne ausbeißen. Nicht völlig, nein, denn Clotaires roter Kaugummi landet bald an Jackies Zimmerwand. Klebt dort und beginnt als Herz zu schlagen.
BEATING HEARTS von Gilles Lellouche entspringt – und das ist wörtlich gemeint – der Gattung Überwältigungskino. Der 52-jährige macht als Regisseur klare stilistische Ansagen. Er will Farben, Packeisbäder und Feuerstellen, er will Coming-of-Age-Drama und Thriller-Gewaltspirale, will eine Art „French Side Story“ und die große Sonnenfinsternis (gleich zweimal), will die Illusion und das harte Aufkanten der Realität, das Unmögliche einer möglichen Liebe für immer. Er lässt seine zwei wahrhaftigen Pärchen (Mallory Wanecque/Malik Frikah und nach einem Zeitsprung von etwa zehn Jahren Adèle Exarchopoulos/François Cevil) auf seinem dramaturgischen Schleudersitz Platz nehmen und verweigert ihnen den Sicherheitsgurt. Was in den zehn Jahren geschah? Clotaire hatte viel Zeit, um seine 475 Worte zu finden, bei denen er an Jackie denkt. Sie landen auf einem Schmierzettel und werden Dämme brechen lassen.
Der Franzose an sich ist natürlich wieder einmal weiter mit den Begriffen. Längst nennt er Beziehungen dieser Art amour fou und selten zuletzt traf diese Diagnose so sehr ins Schwarze, Blutige, Glühende wie hier. Das mit The Cure übrigens ist weit mehr als Nostalgie. BEATING HEARTS beginnt in den Achtzigern, man rennt noch in Telefonzellen, lässt Kleingeld in Schlitze stürzen und dreht Wählscheiben, man reiht für die Liebste Songs auf Kassetten, wenn das mit der geklauten LP in die Buxe geht, man hört Billy Idols „Eyes Without A Face“ und „Nothing Compares 2U“ in der Originalversion von Prince, weil mit der Adaption von Sinead O’Connor schon die Neunziger begannen. Dort endet auch BEATING HEARTS - um kräftig nachzuschlagen.
In beiden Jahrzehnten sind Eltern mit ihren spätpubertierenden oder gar älteren Kindern noch nicht gemeinsam ins Kino gegangen. Jetzt tun sie es. Der Film wirbt auch in dieser Beziehung für sich.

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