Körners Corner - schreiben über Film


21. März 2025

Nanu, keine Nanas?

Ich muss zunächst abschweifen. In einer Phase kreativen Sturms und Drangs hatte ich für Momente die Seiten gewechselt und selbst Filme gedreht. Kleine. Kurze. Drei. Dem internationalen Kino-Kanon konnten und sollten sie natürlich nichts Essenzielles beisteuern. Im Grunde waren es ernstgemeinte Fingerübungen, initialgezündet von einer kreativen Idee und dem drängenden Wunsch, diese Idee wirklich umzusetzen und nicht nur davon zu reden. Zwei ziemlich Kurze wurden dann einem Kunstbuch beigelegt, der längere Kurze erschien als eigenständige DVD-Edition.
Einer der ziemlich Kurzen entstand im Museum Lyonel Feininger in Quedlinburg, das in einem architektonisch interessanten Gebäude wohnt und das Gebäude sollte noch von großer Bedeutung sein, denn – und jetzt schwenken wir langsam auf einen aktuellen Kinofilm ein – in den Ausstellungsräumen selbst erhielten wir seitens der Nachlassverwalter keine Drehgenehmigung. Was meint: Kein einziges der originalen Feininger-Werke durfte im Film zu sehen sein. Wir halfen uns aus mit einer sich öffnenden und schließenden Tür und einer Hand mit Pinsel, die sich „aus einem Foto“ bewegt.
Gestern ist Céline Sallettes NIKI DE SAINT PHALLE gestartet, ein Biopic über die französisch-schweizerische Malerin und Bildhauerin (1930-2002), das sich mühelos einreiht in die Sammlung konstant wiederkehrender Filmbiografien für die Leinwand. Allerdings hatte die Produktion ebenfalls die Vorgabe seitens der Erben (oder Beauftragten der Erben), keine originalen Werke von de Saint Phalle zu zeigen, ihre nicht und auch nicht die originellen Stahlskulpturen ihres zweiten Ehemanns, Jean Tinguely. Dass Niki de Saint Phalle einem Gros der flüchtig Kunstinteressierten zunächst vor allem von ihren hübsch bunten Frauenfiguren Nanas her bekannt sein dürfte, findet im Spielfilm über sie also keinerlei Entsprechung. Und wenn Schauspielerin Charlotte Le Bon „ihre“ Niki am Schluss auf ihre Werke schießen lässt, bleibt die Kamera ebenfalls strikt nur auf sie gerichtet. Das ist enttäuschend, sicher. Es verschiebt aber Akzente.
Die Kanadierin Charlotte Le Bon wird wichtiger, ist sie ja nicht nur äußerlich der originalen Niki de Saint Phalle der Handlungszeit (1952 bis 1961) sehr ähnlich, sondern beißt sie sich auch förmlich in den Charakter dieser Periode hinein. Es ist die künstlerische Prä-Phase der Protagonistin, es geht also mehr um Herkunft und Wurzeln, dann schon um väterlichen Missbrauch, Selbstbehauptung, Psychiatrie, übergriffige Ärzte und Messer, Zangen, Hämmer unter der Matratze. Es geht um frühe Mutterschaft und Ehe, um Poesie als Zeichen von Krankheit und Gesundung, um Freiheit, die sie meinte.
Rein optisch erschafft der GAGARIN-Kameramann Victor Seguin vorzügliche Bilder, sogar der in Teilen gesplittete Bildschirm – oft eher affektiert in der Wirkung – funktioniert hier gut. Mehr Werk von de Saint Phalle und Tinguely, zudem mit den und nicht nur über die beiden, ist auf jeden Fall in Peter Schamonis Dokfilm NIKI DE SAINT PHALLE: WER IST DAS MONSTER – DU ODER ICH? zu finden, der fast 30 Jahre nach der Premiere in Einzelvorstellungen wieder aufgeführt wird. Ein feines Duett! Und, zur Erinnerung: Der legendäre Dresdner Kameramann Ernst Hirsch war involviert.

Post für Andreas Körner