Körners Corner - schreiben über Film


13. Februar 2025

Die Callas in Deutschland

Seit einer Woche ist MARIA, die Callas wieder in Deutschland unterwegs. Allein bis zum ersten Wochenende sahen fast 70 000 Menschen vor 152 Leinwänden die erstaunliche Leistung der Angelina Jolie beim Spielen und (!) Singen, nach JACKIE (über Jackie Kennedy) und SPENCER (über Lady Di) die nächste deutliche Stilansage des chilenischen Regisseurs Pablo Larraín, all die faszinierenden Kostüme und Ausstattungen. Und, leider wird es in vielen Besprechungen des Films vergessen, das so passgenaue italienische Duo Alba Rohrwacher und Pierfrancesco Favino in essenziellen Nebenrollen.
Ich habe mich im Vorfeld des Filmstarts daran gesetzt, eine Recherche zu starten, denn selbst um Konzerte der „echten“ Maria Callas in Deutschland ranken sich Sagen und Gerüchte. Hier kommt das Ergebnis:
Auch in (West-)Deutschland ist Maria Callas natürlich einige Male aufgetreten und machte dabei ihrem Ruf als exquisite Sopranistin, feingeistige Weltbürgerin wie galante Diva alle Ehre. Das öffentliche Interesse und die Diskussionen um außergewöhnlich hohe Eintrittspreise waren dabei stets enorm. Nur zweimal dienten traditionsreiche Opernhäuser als Auftrittsorte. In Berlin sang sie im September 1955 - noch vor Wien (1956) und Paris (1958) - unter Herbert von Karajan in Gaetano Donizettis Lucia di Lammermoor als Gastspiel der Mailänder Scala, in Köln zwei Jahre später die Rolle der Amina in Vincenzos Bellinis La Sonnambula.
1959 gab es im Rahmen der Callas-Konzerte in Deutschland logistische und organisatorische Turbulenzen und es betraf nicht nur die außerordentliche Präsenz von Polizei zum Schutz der Künstlerin, verstärktes Personal in den Sälen sowie „Blumenschmuck wie sonst nur bei gesellschaftlichen Veranstaltungen”, wie aus dem Kulturamt Stuttgart zu hören war. Eigentlich sollte die Callas zuvor schon in Wiesbaden auftreten, doch ihr Programmdebüt mit Arien unter anderem von Gioachino Rossini, Gaspare Spontini und Giuseppe Verdi verschob sie eigenhändig auf den 15. Mai 1959 nach Hamburg. Ort des natürlich ausverkauften Konzertes mit dem damaligen NDR-Sinfonieorchester unter der Leitung von Nicola Rescigno war die heutige Laeizhalle (damals Musikhalle). Auf dem Johannes-Brahms-Platz (damals Karl-Muck-Platz) warteten Tausende Schaulustige auf die Callas.
Im Frühjahr 1959 trat sie unter anderem noch in der Liederhalle Stuttgart auf und besuchte das Funkhaus des Südwestrundfunks in Baden-Baden, um sich persönlich den Fernsehmitschnitts ihres Hamburger Konzertes, aufgezeichnet mit der damals neuen Ampex-Technik, anzusehen. Im Herbst 1959 gab es einen weiteren Auftritt in Berlin. Ein TV-Reporter begleitete die nächtliche Ankunft des Stars und schloss seinen Beitrag mit den launigen Worten ab: „Die Callas ist in Berlin, morgen eilt sie zum Scheidungstermin nach Mailand, am Montag singt sie bereits in Texas.”
Nach Deutschland (wieder sind auch Hamburg und Berlin Stationen) kam Maria Callas dann noch weitere Male in den Jahren 1962 und 1963. Vom dritten Trip im Oktober 1973, wieder zusammen mit ihrem italienischen Lieblings-Tenor Giuseppe di Stefano, ist im Nachgang nicht viel bekannt geworden. Insider meinen, sie hätten damals schon das baldige Karriereende der „Primadonna assoluta” erahnt. Es waren dann wirklich einige der letzten Callas-Konzerte überhaupt.
Oder eben nicht. Seit 2018 steht Maria Callas wieder weltweit auf Bühnen – in einer 3D-Show als Hologramm mit Körperdouble, aber originaler Stimme und Live-Orchester. Fortwährend gibt es auch künstlerische Callas-Ehrungen verschiedenster Couleur, zuletzt und – natürlich – umstritten das Opernexperiment „7 Death of Maria Callas“ der serbischen Performance-Künstlerin Maria Abramović (Premiere im Herbst 2020 an der Bayerischen Staatsoper München). Und schon Ingeborg Bachmann schrieb für Maria Callas eine sehr persönliche Hommage. Darin heißt es: „Sie hat nicht Rollen gesungen, niemals, sondern auf der Rasierklinge gelebt ... Sie wird nie vergessen machen, dass es Ich und Du gibt, dass es Schmerz gibt, Freude, sie ist groß im Hass, in der Liebe, in der Zartheit, in der Brutalität, sie ist groß in jedem Ausdruck, und wenn sie ihn verfehlt, was zweifellos nachprüfbar ist in manchen Fällen, ist sie noch immer gescheitert, aber nie klein gewesen. Sie kann einen Ausdruck verfehlen, weil sie weiß, was Ausdruck überhaupt ist. Sie war zehn oder mehr Male groß, in jeder Geste, in jedem Schrei, in jeder Bewegung.“

Post für Andreas Körner