10. September 2025
Wir lieben das italienische Kino und italienisches Essen, den Wein in sattem Rosso auf lauschigen Piazze, den Himmel in strahlendem Azzuro über Sardinien. Wir wollen una bella figura, sind Toscana Fanboys, der italienische Fußball gefällt uns manchmal auch, wenn wir uns denn eingestehen, dass er uns gefällt. Und Gianna Nannini erst! Beim Worte Berlusconi aber, vor allem im Zusammenhang mit dem Vornamen Silvio (tot seit 2023), überfällt uns ein arges Schütteln, ein zarter Frost. Regisseur Paolo Sorrentino konnte uns mit der filmischen Satire über ihn (LORO – DIE VERFÜHRTEN von 2018) nicht besänftigen, obwohl der notgedrungen schwer geschminkte Toni Servillo wieder sein Bestes gegeben hat. Doch, wollten wir es haben?
Nun begab sich letztens die Verkündung der Nachricht, Berlusconis Sohn Pier Silvio (er bekam Vaters Vornamen wahrscheinlich per Dekret) hätte sich mit seiner Firma MFE endgültig des einst deutschen Medienkonzerns ProSieben.SAT1 bemächtigt, an dem sie seit 2019 beteiligt sind. Sie waren mit knapp über neun Prozent eingestiegen. Bis kürzlich hielt MFE noch 33 Prozent an ProSieben.SAT1, jetzt sind es über 75. So sehen Mehrheiten aus! Schließlich heißt MFE ausgeschrieben Media For Europe und der Stammsitz im bayerischen Unterföhring ist ja knapp vor Italien gelegen.
Wie bitte? „Was interessiert mich das, ich guck diese Sender nicht?“ Oder: „Was interessiert mich, wer meinen Sender besitzt“? Vorsicht, Vorsicht! Kartellrechtlich sei auf deutscher und europäischer Ebene alles in Ordnung, wurde gesagt. Die Liste der einstigen ProSieben.SAT1-Anteilseigner liest sich eh schon putzig. Inhaltlich, auch das machte die Runde, will sich Pier Silvio Berlusconis Truppenteil komplett heraushalten. Das bekundete der Chef dem deutschen partei-, aber nicht bedenkenlosen Kulturstaatsminister Wolfram Weimer bei einem Treffen. Nein, Berlusconi jr. hat sogar „versprochen“, dass es keine Eingriffe in die Unabhängigkeit geben werde. Zuvor war Weimer besorgt. Jetzt ist er beruhigt? Ja, und zwar mit Recht! Schließlich hat schon ein Pionierehrenwort gezählt. Und versprochen, ist versprochen! Berlusconi jr.: „Wir zielen nicht auf vollständige Kontrolle ab, sondern auf Flexibilität, die es uns ermöglicht, eine klare Richtung vorzugeben, die auf einer gemeinsamen Vision beruht“. Loriot hätte gesagt: „Ach was!“
Am 18. September startet eine Kino-Doku über HANNAH ARENDT (Preview am 14. September). Im Untertitel heißt sie „Denken ist gefährlich“, just nach einem Zitat dieser dauerhaft grandiosen Philosophin und Professorin für politische Theorie. Ein paar Mal in Berlusconis Sender hinein geschaltet, dabei beispielsweise das dortige Frauenbild gecheckt, das Niveau der präsentierten Zerstreuung gemessen, sich über aktive Zuwendungen finanzieller Art von MFE als Firma und Familie Berlusconi als Bürger in Richtung Tagespolitik erkundigt, schließlich hatte der Senior ja die Partei Forza Italia gegründet – all das könnte das Nachdenken über die neuerliche ProSieben.SAT1-Mehrheitsverschiebung gefährlich machen. Warum? Man könnte zu den wahren Hintergründen vordringen.