Körners Corner - schreiben über Film


5. Dezember 2025

Grüner wird’s (vorerst) nicht mehr

Der stets chilizüngige Publizist Friedrich Küppersbusch bezeichnete Robert Habeck jüngst als „Cristiano Ronaldo der Bündnisgrünen“. Die taz zeigte sich gar weitsichtig, als sie der Partei nach ihrer aktuellen 51. Bundesdelegiertenkonferenz bescheinigte, es ginge „auch ohne Robert“. Was zurzeit noch anzuzweifeln wäre. Wobei: Dieses strategische Beschlusswunderwerk vom vergangenen Wochenende im Spektrum von völliger Utopie („Das 9-Euro-Ticket muss zurück!“) bis Wahnsinn („Marschflugkörper in die Ukraine liefern!“) hätte Habeck in alter führender Position nicht verhindern können, mutmaßlich auch nicht wollen.
Die wichtigen Geschichten, mit denen man Wahlkämpfe gewinnt, werden anderswo geschrieben, doch an „nicht richtigen Geschichten“ hätte es vor allem gelegen, dass die vorverlegte Bundestagswahl nach Ampelausfall im gefühlten Desaster enden musste. Und Robert Habeck kein Kanzler geworden ist. Es gab eine Phase, da lag er in den Sympathiewerten gleichauf mit Friedrich Merz. Nur die Grünen als Partei eben nicht mit der CDU/CSU und keineswegs mit entscheidenden Teilen des Volkes. Die hatten, forciert durch verknappte, verfrühte, gern falsche und überzogene Ver(sehr)lautbarungen, ihre Feindbilder längst gefunden. Codewort: Heizhammer. Bürger, entölt eure Keller! Morgen!
Regisseur Lars Jessen war im Wahlkampf dabei. Am Beginn des nun fertigen, sehr persönlichen und dadurch kaum ausgleichenden, also bewusst einseitigen Films sind es noch 110 Tage bis zur Stimmabgabe. Jessen arbeitet als gleichaltriger, ebenfalls in Kiel geborener Freund, Berater und eben mit Kamera (plus Sohn Rasmus) im Maschinenraum der Kampagne. JETZT. WOHIN – MEINE REISE MIT ROBERT HABECK startet an einem Sonntag mit einem bundesweit übertragenen Leinwandgespräch, moderiert von Cordula Stratmann, mit Jessen und Habeck als Gäste. Spät. Sehr spät. Zu spät? Die letzte halbe Stunde von 90 Minuten gehört der Aufarbeitung einer Niederlage, die sich hier manchmal gar nicht wie eine Niederlage anfühlt. Dafür kommen einfach viele wichtige und kluge Aspekte, dafür ist der Ton zu mild und angenehm, der Reigen der Beteiligten „in Reihenfolge ihres Auftretens“ in Teilen interessant. Die verzichtbaren Namen, und es gibt sie wohl, landen im Skat. Jeder hat seine eigenen ...
Aus dem Zuhören heraus Antworten formulieren – es ist ein Kernsatz von JETZT. WOHIN. Robert Habeck versuchte es auf die „Old school“-Art mit Küchentischgesprächen. Das war sehr nett, doch die Datenexperten in seinem Team mussten konstatieren, es sei der völlig falsche Dialogansatz gewesen. Das Zeitgemäße haben andere wahlentscheidende Parteien (mit Ausnahme der „lame duck“ SPD), vor allem die eine mit dem Blau im Fahnenmeer, längst kapiert. Ein in Ansätzen witziger Wahlwerbespot nach Art der Monty Pythons? Kann man machen, zieht aber nicht mehr. „Wir kriegen die Begeisterung der Halle nicht ins Digitale“, sagt Robert Habeck nach einem Parteitag. Die Themen hatten in den Wochen bis zur Wahl 2025 eh gewechselt. Sicherheit und Migration sind kein sicheres Grünen-Terrain, sondern Glatteis.
Lars Jessen, zuletzt mit Charly Hübner (hier auch dabei), Jan Georg Schütte und MICHA DENKT GROSS unterwegs, ist der Verlust von Energie und Kraft anzumerken. Im Gesicht und seinen reflektierenden Worten. Doch noch vor dem Abspann bringt er speziell für sich selbst etwas Hoffnung ins Spiel. Auslöser ist auch ein alter Bekannter: Monchi Gorkow von der Band Feine Sahne Fischfilet, unermüdlich und unerbittlich in seinem Drang zu einen statt zu trennen, göttlich schnodderig und vehement wie stets, sagt, dass er vom „Aufstand der Anständigen“ gar nicht so viel hält. Denn: Was macht man mit den anderen? Zum „Wasted in Jarmen“-Festival dürfen sie jedenfalls kommen.
Robert Habeck ist raus. Und sagt, er würde sich wieder zurückmelden, wenn „er eine Antwort gefunden hat“. Jene, die es als Drohung empfinden, werden das Kino meiden.

Post für Andreas Körner