Körners Corner - schreiben über Film


6. Juli 2026

Hört, hört!

Kino konfrontiert das Publikum mit Krankheiten, von denen man 1. noch nie etwas vernommen hat und die man 2. in keinem Falle haben möchte. Hyperakusis zum Beispiel. Nicht lebensgefährlich, aber gefährlich für die Lebensqualität. Dabei nimmt das Gehör die Geräusche der Umwelt derart übersteigert intensiv wahr, dass man verrückt werden würde, täte man nichts dagegen. Ohrenschützer anlegen zum Beispiel, Kopfhörer, irgendwas mit Stöpsel. Gut, auf dem Lande könnte man mit Hyperakusis vielleicht noch umgehen, in der Großstadt aber und dann noch in New York? Es muss eine Qual sein. Es ist eine Qual! Niki weiß, wovon die Rede ist.
Allerdings hat er aus der Not inzwischen eine Tugend gemacht. Als klassischer Pianist gestartet, ist Niki nunmehr mit seinem väterlichen Buddy Harry in der Spur, um Klaviere zu stimmen, denn das fratzengleiche Krankheitsbild der Hyperakusis paart sich gern mit der Gabe eines absoluten Gehörs. Übrigens: Schwer zu vermittelnde Pianisten arbeiten im Brotjob nicht selten als Klavierstimmer, fern jeder Beeinträchtigung.
Niki und Harry, nennen wir sie bei ihren Echtnamen Leo Woodall und Dustin Hoffman, ziehen bevorzugt von Villa zu Villa, um Instrumente zu betreuen, die eher Möbel sind. Kein Wunder, dass man sie dabei schon mal mit gediegener Respektlosigkeit fragt, ob sie gleich das Klo mit reparieren oder den WLAN-Router justieren würden. Doch es gibt auch Jobs in Musikschulen, Konzertsälen und Tonstudios, was an Harry liegt, dem seine Vergangenheit im First-class-Jazz beste Kontakte bescherte. Bald aber liegt er im Krankenhaus. Zusammenbruch. Offenes Ende und nichts auf dem Konto. Niki macht als THE PIANO TUNER allein weiter und hat als Ziel im Visier, Harry und dessen Frau Marla finanziell zu unterstützen, so krumm die Sache mit dem Geldbeschaffen auch sein möge. Denn: Wo Egon Olsen für das Knacken seiner „Franz Jäger, Berlin“-Tresore noch Stethoskop trug, regelt Niki das Klickediklack der mechanischen Zahlenschlösser mit puren Ohren. Allerdings führt das aufrecht Unbedarfte seiner Deals mit einer wieder osteuropäischen (das musste eigentlich nicht sein!) Bande direkt ins Verderben. Hätte er sich mal lieber nur um die frühlingsgleiche Liebe zur Pianistin Ruthie (das wiederum musste sein!) gekümmert, doch seine Motive waren aller Ehren wert.
Was nun ist THE PIANO TUNER des musikaffinen Regisseurs Daniel Roher - er drehte schon eine Doku über Robbie Robertson und The Band - als Film? Für mich persönlich, zusammen mit MARTY SUPREME, die bis hierhin beste anspruchsvolle Leinwandunterhaltung des Jahres! Sieht sich in seinem Witz und Ernst und der waghalsig klingenden Mischung aus Kumpel- und Liebesgeschichte sowie Gangsterpistole einfach weg, hat Tempo und knackigen Jazz im Soundtrack. Und diese nun wirklich exorbitante Tonspur. Was in SORDA und jüngst in SOUNDS OF PARIS schon ansatzweise gelingen durfte, beide mit zwei anders hörenden Protagonistinnen, erfährt nunmehr die absolute Perfektion. Es verwundert nicht, denn der britische Tonmagier Johnnie Burn hat das Ganze im wahrsten Sinne geregelt, wie schon zuvor als Haus-und-Hof-Sounddesigner für Yorgos Lanthimos (u.a. THE LOBSTER, POOR THINGS) und Jonathan Glazer (u.a. UNDER THE SKIN, THE ZONE OF INTEREST) sowie für Chloe Zhaos HAMNET und Danny Boyles 28 YEARS LATER. Johnny Burn über seine Arbeit in den Wave-Studios mit insgesamt sieben Häusern in London und jeweils drei in Amsterdam und New York: „Ich versuche, alles so realistisch wie möglich zu halten und vermeide es, Soundeffekt-Bibliotheken zu verwenden. Ich möchte möglichst alles selbst aufnehmen und stelle mir den Mix eher wie eine Skulptur vor. Wenn ich an einem Projekt arbeite, möchte ich dem Regisseur eine fertige Idee präsentieren und dass die Dialoge sauber und die richtigen Effekte schon enthalten sind. Wir erzählen mit Sound Geschichten.”

Post für Andreas Körner