Körners Corner - schreiben über Film


30. Juni 2026

Hüller in Hülle und Fülle

Wann sie uns das erste Mal auf Leinwand erschienen ist? Nur die eigene Erinnerung hat eine Antwort darauf parat. Ist ja auch altersabhängig. Nicht ganz so viele werden sagen können, schon vor genau zwei Jahrzehnten dabei gewesen zu sein, als Sandra Hüller, parallel zum Theater, erste größere Rollen bekam. Nach Hüllers Spiel als „echte“ Schülerin Michaela Klingler, an der in der alten BRD noch Mitte der Siebzigerjahre Exorzismus verbrochen wurde (REQUIEM), und nach der „echten" Rennpilotin Clärenore Stinnes, die 1927 im Auto, Marke Adler Standard 6, zu einer speziellen zweijährigen Reise aufbrach (FRÄULEIN STINNES EROBERT DIE WELT), waren sich beileibe noch nicht alle darüber einig, wieder einem kommenden internationalen Star aus Hiesigland begegnet zu sein. Heute, 40 Filme weiter, ist es trotzdem eingetreten. Sandra Hüller ist (dr)in. Ihre Preisliste ist fast so lang wie ihr Werkverzeichnis.
Einzig das mit dem Star funktioniert nicht so recht. Vielleicht muss ein neuer Begriff her für jemand, der mit Ryan Gosling und Tom Cruise dreht, sich dann aber weitestgehend aus den Begleitumständen heraushält. In der Corner zu THE ZONE OF INTEREST verriet Spielpartner Christian Friedel, dass er beispielsweise das monatelange Brimborium vor einer Oscar-Verleihung in den USA regelrecht genossen habe, Sandra Hüller keinesfalls. Sie arbeite einfach weiter, sagte sie selbst im Interview. Und: Die gebürtige Suhlerin lebe gern in Leipzig. Punkt. Umzug nicht geplant. Doch Vorsicht, auch mit Ossitümelei kann man keine Hüller festnageln. Sie bleibt da souverän.
Arbeiten also! Genauer: viel arbeiten! Kamen Hüller-Filme immer schon in zeitlich enger Taktung heraus, wobei 2010 durch BROWNIAN MOVEMENT und ÜBER UNS DAS ALL mein persönliches Hüller-nun-wirklich-Entdeckungsjahr war, vermutete man nach THE ZONE OF INTEREST und ANATOMIE EINES FALLS, dass die 48-Jährige durch die Aufträge eines Briten (Jonathan Glazer) und einer Französin (Justine Triet) daheim nun weniger verfügbar sei. Zum Arbeiten wohlgemerkt, nicht in Talkshows. Man sah sich auf dem Weg aus Holz. Allein in den letzten und kommenden Monaten gab und gibt es Hüller in Hülle und Fülle. Das jedoch kann sie nur vor den Arbeitsprozessen, also beim Ja-Sagen beeinflussen, die Platzierung der fertigen Streifen im Tagesprogramm läuft ja ohne die Beteiligten. Das künstlerische Spektrum jedenfalls ist phänomenal und da sind Sandra Hüllers starken Songs ihrer kurzen Platte „Be Your Own Prince“ oder ihre Vertonung des langen Gedichts „Mystische Aubergine“ des Dresdners Volker Sielaff, beide 2020 erschienen, noch gar noch einberechnet.
Die Hüller las Anfang 2026 in Alina Cyraneks Filmessay FASSADEN die Gesprächsprotokolle von Frauen nach häuslicher Gewalt. Das Historienstück ROSE von Markus Schleinzer bohrte sich dann ab Mai in die Gemüter der Starken und folgte auf das eher leichte Mahl DER ASTRONAUT vom März. Im September wird Sandra Hüller als Erika Mann in VATERLAND zu sehen, ach was, zu erleben sein. DIGGER von Alejandro G. Iñárritu folgt dann mutmaßlich im Oktober. Zu weit weg? Dann bliebe noch der aktuelle Gang ins Kino, denn Hüllers Vorliebe für echte Partnerschaften beim Wachsen eines Films konnte sie mit Regina Schilling in INGEBORG BACHMANN – JEMAND, DER ICH EINMAL WAR vollends ausleben. Diese, wie beide Frauen es nennen, Séance mit der österreichischen Autorin (die Soundtrack-Komponistin Anja Plaschg sei exponiert mit einbezogen) passt ins Bild, das wir von Sandra Hüller gewonnen haben: furchtlos, experimentierfreudig, nuancenreich, offen in Geist und Visier. Regina Schilling übrigens war dereinst mit TITOS BRILLE in der Corner, den Weg der Regisseurin von da ab zu verfolgen, war reich an Ertrag. Zwar nicht zu vergleichen mit dem ihrer Kollaborateurin vor der Kamera, trotzdem beachtlich.
Apropos: In den Neunzigern und Zweitausendern hatte ein gewisser Vogel mal einen mächtigen Lauf, intern sprach man schon vom Jürgen-Vogel-Effekt und meinte die zarte Sättigung beim Zuschauer, weil der Mime gefühlt alle 14 Tage im Kino erschien. Ich lehne mich mal gaaaanz weit hinaus: Diese Gefahr besteht bei Sandra Hüller nicht. Bei und mit ihr ist einfach mehr los. Nichts gegen Vogels Jürgen, aber ...

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