Körners Corner - schreiben über Film


21. Oktober 2024

Original (mit und ohne Untertitel) – Das THALIA wird heute 20

Stefan Raack (2.v.l.), der Kommunikator, wollte schon im ersten Jahr nach Gründung seines Thalia-Kinos „schön unruhig bleiben und die Leute aufmerksam halten“. Es ging um seinen persönlichen Ausblick in die Zukunft und was es braucht, damit man nach dieser Zeit von Bestand reden kann, nicht vom Grund fürs Scheitern. Raack ist unruhig geblieben, obwohl er Ruhe ausstrahlt. Und er hat die Leute aufmerksam gehalten mit einem klaren Kinokonzept. Wo Thalia drauf steht, ist Thalia drin, dort, wo es in der Dresdner Neustadt schon 1889 ein Vorstadttheater gab. Heute auf den Tag genau wird die Spielstätte 20.
Woran ich mich persönlich erinnere? An unzählige Film- und Lebensgespräche mit dem Betreiber an der Bar, die Chance der privaten Einmietung für einen runden Geburtstag, null Grund für schlechtes Gewissen, wenn man eben wirklich nur etwas trinken wollte und gar nicht in „Saal 1“ hinein, an die Ermutigung, John Carneys ON THE EDGE von 2001 wieder und wieder einzusetzen, bis ihn wirklich jeder gesehen hatte, der ihn sehen sollte und wollte und gern mehrfach. Gleiches dann mit LORD OF THE TOYS (2018) von André Krummel und Pablo Ben Yakov, bei dem der Herr Raack standhaftes Diskutieren mit dem Publikum auszuhalten wusste. Erinnert sei an Dutzende Eierliköre in Filmfest-Nächten, die allgemeine OmU-Hartnäckigkeit (weil das Original noch immer eben besser ist) und einige wirklich große Klein-Konzerte auf der Bühne, die es ja im Thalia gar richtig nicht gibt. Aber einen Garten, Veranstalter Paul „Sunset Mission“ Simang kennt ihn sehr gut. Erinnert sich noch wer an sein sommerliches Festival an dieser Stelle? Instant classic, sagt der Brite zu so etwas. Auch übers Jahr verteilt gab es einige Zeit lang grandioses Hör-Kino, so mit Chris Pureka (mehrmals), dem Bersarin Quartett (wo man sich um die Lampenschirme Sorgen machen musste), das Dresden-Debüt der Mighty Oaks (die jetzt den Kulturpalast füllen) oder Chinawoman (zu lang ist’s her).
Der Nichtraucher tolerierte, dass die „Cigarettes“, neben dem „Coffee“, lange Jahre nicht nur im Untertitel des Thalia standen und dann vom „Cycling“ abgelöst wurden. Stephan Raack – der passionierte Pedalemann, sagte 2020 über das Rauchen, als es fehlte: „Die blaudunstigen Nächte gibt es nicht mehr. Sie mussten nach zähem Kampf und Ringen weichen. Die Zeiten ändern sich, die Idee hat nicht mehr gepasst.“ Sagte über das Fahrrad, als es eingezogen war: „Fahrrad fahren ist wie ein eigener Film, in den man eintaucht. Da bin ich weg. Ich lasse alles hinter mir, vergesse die Realität und die Probleme. Es ist wie im Kino der Blick durchs Schlüsselloch in eine andere Welt. Auf dem Fahrrad ist es der Blick über den Lenker.“
Gelenkt hat Stephan Raack sein Thalia zwei Jahrzehnte lang um Knicke, durch Schlaglöcher und über Dellen, übers Hochtrapez in einer sich nicht unbedingt zum Vorteil entwickelnden Dresdner Neustadt. Ebenso vorbei an härter werdenden Umständen, als Einsaal-Spielstätte überhaupt Filme zu bekommen, die man als Betreiber spielen mag. Doch, auch das ist ein Zitat: „Ich gebe mich nicht geschlagen und nehme unschöne Dinge nicht einfach hin. Ablehnung ist eher Herausforderung für mich. Meine Überzeugungskraft ist noch intakt, am Ende bekomme ich fürs Programm dann meistens, was ich will. Und das mit dem Einsaal-Kino war von vornherein selbstgewählt.“ Stephan Raack hat dafür den herrlichen Begriff des Nanoplexes erfunden. Aus eigener Erfahrung und mit Nähkästchen unterm Schreibtisch darf ich verraten, dass die Jurys der mitteldeutschen und bundesweiten Programmpreise konstant ins Schwärmen geraten, haben sie den Thalia-Antrag in den Händen.
Kurz und knapp, so wie es Stephan Raack am liebsten mag: Herzlichen Glückwunsch! Und bitte möglichst lange noch diese Old-School-Eintrittskarten von der Rolle, die jeden Steuerberater in den Wahnsinn treiben.

Post für Andreas Körner