25. November 2024
Wenn der alles andere als risikoscheue Österreicher Ulrich Seidl nicht selbst Regie führt wie zuletzt für RIMINI und SPARTA, produziert er mit seiner Gesellschaft die Werke der Kollegen, auch gern mal die seiner Ehefrau Veronika Franz und seines Neffen Severin Fiala. Diese Filme sehen dann zumeist, fast logisch, ein wenig nach Seidl aus und riechen nach ihm. Im Falle LUZIFER von 2021 mit dem noch immer aufstrebenden Franz Rogowski in der Hauptrolle wurde kaum davon Kenntnis genommen, bei DES TEUFELS BAD ist es glücklicherweise anders. Völlig zu Recht spricht man über das aufwühlend-zehrende Historiendrama, ehrt es mit Preisen und lässt es die Vorauswahl zu den Oscars bestreiten. Der Ösi macht es sich augenscheinlich ein wenig leichter mit Oscar-Verschickungen. Der Nachbar nimmt einfach den besten Film und achtet nicht so sehr darauf, dass er irgendwie noch größer wird, weil er auch ein politisch starkes Statement setzen soll.
DES TEUFELS BAD ist stark! Für Cineasten sowieso, weil sie sich an Martin Gschlachts Kamera schlichtweg ergötzen können. Es sind feinste Tableaus, keine schlichten Bilder. Wie heißt es im Abspann: „Gedreht auf herrlichem 35mm“ (und, sei ergänzt, ohne künstliches Licht). Stark auch, weil sich mit Hauptdarstellerin Anja Plaschg nun endgültig eine weitere Quereinsteigerin im österreichischen Kino etablieren wird.
Zunächst sollte Plaschg nur den Soundtrack komponieren, weil sie unter ihrem Künstlernamen SOAP & SKIN als Sängerin, Multiinstrumentalistin und Komponistin längst etabliert ist. Durch sie ist die Musik übrigens nicht im Ansatz historisierend und nur dienstleistend geworden, sondern spannend und autark. Für Anja Plaschg hat dann „die Geschichte vieles in mir hoch geschwemmt und ich konnte die Themen von Trauma und familiärem Schmerz, vor allem solchen zwischen den Generationen, sehr gut nachempfinden … Ich finde den Film wichtig, weil ich diese Fülle männlicher Geschichte so satt habe, die ganzen Kriegsfilme mit männlicher Gewalt. Für mich füllt DES TEUFELS BAD ein Loch, weil er vom inneren Krieg, den Frauen erleben, erzählt.“ Nach ersten Proben war für die Regie (Veronika Franz/Severin Fiala) klar, wer die Bauerntochter Agnes spielen soll.
Anja Plaschg ist selbst auf einem Bauernhof in der Steiermark aufgewachsen, durchlebte noch die Reste von Erzkatholizismus und Patriarchat oder ließ sich von den Frauen der Familie davon erzählen. Ein originales Gebetsbuch aus der Handlungszeit des 18. Jahrhunderts mit Titel „Vorbereitungen zum Tode“ war Anjas ständiger Begleiter beim, speziell durch die ständige Kälte, extrem harten Dreh. Auch die Schmetterlinge als Darsteller kamen durch sie in den Film.
„Des Teufels Bad“ heißt heute Depression und ist, wenn man Glück hat im Pech, als Krankheit anerkannt. Vor Jahrhunderten allerdings begingen in Europa vor allem depressive Frauen einen dieser „mittelbaren“ Selbstmorde, um durch die Beichte noch der Hölle zu entgehen, in die sie nach einem „unmittelbaren“ Selbstmord garantiert gekommen wären, wie ihnen die Kirche suggerieren wollte. DES TEUFELS BAD beruht auf überlieferten Gerichtsakten, fast 400 Fälle sind allein im deutschsprachigen Raum nachzuweisen. Vielleicht widmet der Kinofreund gerade in den kommenden Tagen und Wochen, wo alles so schön glitzert, weihraucht und lärmt, ein paar seiner stillen Gedanken diesen zumeist namenlosen Menschenwesen. Denen, die getötet wurden und denen, die getötet haben.
Und sehr bald – um am Ende noch etwas Licht in den Text zu bekommen – sollten wir an dieser Stelle unbedingt über Maria Hofstätter sprechen, die die Schwiegermutter von Agnes spielt. Denn die 60-Jährige ist viel mehr als eine der wichtigsten Seidl-Darstellerinnen, sie ist schlichtweg grandios, besonders, wenn sie eher unscheinbar erscheint. Und dann da ist. Und bleibt.
Post für Andreas Körner