22. Juni 2026
Von isländischer Kunst und Kultur erwarten wir – übrigens völlig zu Recht – die besondere Note. Die nordische. Eine noch mal gänzlich andere als die schwedische, finnische, norwegische. Ich sehe mich noch im weltbekannten Schallplattenladen 12 Tónar auf der Skólavörðustígur 15 in Reykjavik zunächst stehen, suchen, dann sitzen und hören. Als bekennender Freund isländischer Populärmusik wollte ich mir nach anstrengendem Sechstagemarsch auf dem Laugavegur einen kleinen Stapel neuer und mir bis dato unbekannter Bands und Solokünstler gönnen. Nach Stunden packte ich 13 CDs neben Schlafsack, Kochgeschirr und Lammwollmütze. Alle gut! Alle besonders!
Im Film ist es nicht viel anders. Das, was hier an Isländischem auf die Leinwände kommen darf, schwankt in der Qualität nur unerheblich, schlägt kaum aus, dafür zwei, drei Haken hin zum Außergewöhnlichen. Der Humor ist ohne Zweifel herb und schwarz und versteckt, nicht lärmend. Aber er ist da. Die Bilder sind deliziös, weil sie dort vor der Haustür eben so sind. Die Schauspielerinnen und Schauspieler sind auserlesen und so überhaupt nicht bügelschön, weil sie dort hinter der Haustür eben so sind. Und die Geschichten? Formidabel, gern sperrig.
Mindestens ein Islandfilm pro Jahr muss sein. Zuletzt war es der herzgrapschend starke WENN DAS LICHT ZERBRICHT, zuvor der amüsant-kantige GEGEN DEN STROM, der verrückte LAMB oder auf ewig VON MENSCHEN UND PFERDEN. Leider etwas unterm Radar verschwand 2019 WEISSER, WEISSER TAG von Hlynur Pálmason, der als Regisseur auf der Insel ein eigenes Orchester bespielt. Seine Noten waren bislang vor allem dunkel und bitter. In THE LOVE THAT REMAINS kehrt auch bei ihm lakonischer Witz ein. Seine konzentrierte Familienaufstellung, beobachtet im Fließen von vier Jahreszeiten, ist genussvoll anzusehen, neben authentischem Alltag, den man zu kennen oder irgendwo bei anderen schon mal erlebt zu haben glaubt, füttert Pálmason die Handlung mit surrealistischen Momenten auf, die anderswo Fremdkörperpartikel wären, hier aber durchaus verschmelzen dürfen. Der Regisseur ist auch bildender Künstler und Schriftsteller, vielleicht liegt es daran und ein klein wenig Ratlosigkeit hat im und nach dem Kino noch nie geschadet.
Die Liebe bleibt also. Bei Anna und Magnús hat sie nur den Aggregatzustand gewechselt. Drei Kinder haben sie, eine Teenie-Tochter und die jüngeren Zwillingsjungs, als Ehepaar sind sie aufrecht gescheitert, lassen sich jedoch noch dann und wann in ihre Leben ein. Magnús, der Hochseefischer, würde augenscheinlich nur einen kleinen Klick am Schalter brauchen, um wieder zurückzukehren in den Schoß von Anna. Es ist doppeldeutig gemeint. Doch Anna bleibt stark, freundlich zum Ex, aber bestimmt. Es darf gemeinsame Ausflüge geben, die einfach nur schön sind. Abends dann schwingt ein Tschüss die Keule. Magnús muss wieder raus auf See, zurück zu den Männern mit ihren wiederkehrenden Themen. Anna aber bekommt in THE LOVE THAT REMAINS den verdientermaßen größeren Raum, denn sie ist die interessantere Figur. Mit ihrer freien Art der Erziehung, den klaren Ansagen und ihrer Kunst. In der Natur und bei allen Wettern gestaltet sie mit Stahl und Rost große Folien. Ein schwedischer Galerist landet an, um sie sich zu besehen. Der Eitle weiß nicht mal, was eine Gans ist, klaut trotzdem ein Ei aus dem Nest, redet wirr und verschwindet wieder, nicht ohne Annas Werke abzulehnen. Sekunden später hört man einen Schuss und am Himmel verschwindet ein Kleinflugzeug vom Radar … Momente wie diese stehen für isländische Noten.
Herrlich sind auch die Kinder untereinander in ihrem Spiel, ihren frechen Gesprächen und Selbstversuchen. Als Papa aber Auftragskiller wird und d e n Hahn der Familie mit einem Steinschlag tötet, eskaliert das Vater-Tochter-Verhältnis. War es ein Statement, als Ída zu verkünden weiß, alle Hennen seien Huren?