Körners Corner - schreiben über Film


30. Januar 2025

CORNER #105: Trauer als Chamäleon

Es sind wieder Plätze im Angebot, denn wir sind in Saal eins umgezogen! Einen Tag, nachdem Désirée Nosbusch die Eröffnungsgala der diesjährigen Berlinale moderieren wird, kommt die Luxemburgerin mit ihrem Regiedebüt zur Corner #105. Wie gewohnt, werden wir natürlich gemeinsam durch ihre Biografie „pflügen“. Da gibt es einige sehr interessante Aspekte: Kinderstar, Radio, TV-Show, sehr ernste Rollen als Schauspielerin, jetzt mit POISON - EINE LIEBESGESCHICHTE ein spätes Regiedebüt. Und was für eins!
Silvester 2012, zehn nach sieben am Abend, hatte Lucas zwei Koffer in die Hände genommen und Edith, seine Frau, verlassen. Er weiß noch, welche Kleidung sie trug: Stechendes Blau. Auch erinnert sich Lucas sehr genau daran, dass Edith nichts unternahm, absolut nichts, um ihn am Weggehen zu hindern. Fast zehn Jahre ohne ein Wort, ein Treffen, ohne Kontakt ist es nun her und ausgerechnet auf einem Friedhof wollen die beiden ihr Schweigen beenden. POISON könnte mühelos nur das Gift meinen, das sich in dieser Zeit unter das ehemalige Paar geschlichen hat, doch es ist ja EINE LIEBESGESCHICHTE. Selten, dass ein Untertitel im Kino so viel Sinn ergeben hat und in seiner Schlichtheit Horizonte öffnet.
Edith und Lucas kommen aus getrennten Leben zum Friedhof und werden genau dort an einen Teil ihrer schönsten wie schmerzvollsten Gemeinsamkeit erinnert. Es gab ein Kind, einen Jungen, und es gab einen Unfall. Vor allem aber gab es für Edith und Lucas eine Zeit danach, die unmittelbare und die fortlaufende. Bis Silvester 2012. Und ab dann.
Leiden mache süchtig, sagt Lucas, „es sollte Entzugskliniken dafür geben.“ Doch die Trauer trägt keine Einheitsuniform. Sie kommt als Chamäleon, wechselt Töne, Farben, Intensitäten. Edith und Lucas reden an diesem Nachmittag auch darüber und, oh nein, es geht nicht ohne Vorwürfe ab, Verletzungen, ohne Wut, ja, Handgreiflichkeiten, ohnmächtigen Momenten. Doch gleichsam nicht ohne Zuwendung, den Nachhall ferner Nähe, transferiert in heutige Momente, Erinnerung an das, was diese zwei Menschen einst verbunden und stark gemacht hat. Manchmal haben sie nur Gesten dafür und es genügt.
Für ihr Spielfilmdebüt als Regisseurin hat Désirée Nosbusch einen Theaterstoff adaptiert und sich dafür just von der niederländischen Ursprungsautorin Lot Vekemans das Drehbuch schreiben lassen. Das Bühnensetting mit nur zwei Personen in filmische Sprache zu übersetzen und dabei überzeugend die Leinwand zu füllen, brauchte, neben Mut und tieflotendem Gespür für Reduktion an nur einem markanten Spielort, also den konsequenten Verzicht auf Rückblenden, die perfekte Besetzung. In der Dänin Trine Dyrholm und dem Briten Tim Roth hat Nosbusch sie gefunden und mit der deutschen Kamerafrau Judith Kaufmann multipliziert.
POISON - EINE LIEBESGESCHICHTE wird zum Gipfeltreffen. Wir gehen mit. Angefasst und losgelassen.

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