Körners Corner - schreiben über Film


25. November 2025

Von verbotenem Schrott und genehmigter Qualität

Die bislang letzte „geredete“ Corner vor Publikum (und garantiert die letzte fürs Jahr) hatte vor allem eine Quintessenz: Am Ende zählt noch immer, welche Qualität ein Film hat und nicht, unter welchen Umständen er entstanden ist oder wie es dem Team im echten Leben ergeht. Journalistisch hingeschrieben, klingt es besonders mit Fokus auf den Nahen Osten, China oder Afrika stets ein wenig arrogant. Oft genug wird es einem sogar falsch ausgelegt und nicht zum Besseren. Kommt ein solcher Satz aber aus dem Mund eines iranisch-stämmigen Regisseurs, fühlt man sich gleich ein wenig sicherer. Ali Samadi Ahadi (53) kam zur Corner #111 zusammen mit seiner Tochter Roxana (24). Sie hatten zwei ihrer Filme im Gepäck, die aus und über den Iran erzählen: FREIHEIT IM HERZEN und SIEBEN TAGE. Es ging dann im Gespräch natürlich ums Land, die Diaspora und – den iranischen Film an sich. Ali Samadi Ahadi verfolgt, was Landsleute wie Mohammad Rasoulof, Asghar Farhadi oder Jafar Panahi veröffentlichen, aber er findet es mehr als unglücklich, sogar völlig fehl am Platze, wenn weltweit im Zusammenhang mit ihren Arbeiten so oft zunächst über deren Biografie gesprochen wird und ob die Werke am iranischen Regime vorbei oder „genehmigt“ gedreht wurden. Was sei denn, wenn ein „verbotener Film Schrott ist und ein genehmigter von bester Qualität“?
Man kann diese Frage ausweiten. Was ist, wenn ein Film zuvorderst nach dessen ausgewogener politischer Sicht beurteilt wird? Wenn die Urheber bei öffentlichen Auftritten in aufgeheizten Debatten doppelt verheizt werden? Oder wenn es überhaupt nicht mehr um Inhalt, Qualität und künstlerische Leistung geht, sondern nur noch um Statement, Ansage und Aussage?
Das Kino war stets vorn dran in diesem Strudel der Wahrnehmung und Reaktion und ist es gerade wieder verstärkt. Der israelische Regisseur Nadav Lapid startete mit seiner unkorrekt-grellen Satire YES und löste hier und da blankes Entsetzen aus. Eran Riklis, ebenfalls Israeli, zeigt LOLITA LESEN IN TEHERAN und widmet sich der Autobiografie der iranisch-amerikanischen Literaturprofessorin Azar Nafisi. Er wählt dafür keinesfalls einen anarchischen Ansatz, sondern eher eine geradlinige Erzählweise. Vielen ist das viel zu brav. Regisseurin und Schauspielerin Cherien Dabis baut ihrerseits einen großen, filmisch ebenfalls konventionellen Familienreigen für IM SCHATTEN DES ORANGENBAUMS. Die Familie ist eine palästinensische. Das israelische Narrativ fehlt fast komplett. Kino muss sich so etwas zutrauen. Zutrauen dürfen.
Trotzdem ist es schon seltsam, diese Zeilen mitten hinein in den verklingenden Jubel zu schreiben, der die Abkühlung der bislang letzten heiß ausgetragenen Krise zwischen Israelis und Palästinensern begleitet. Doch selbst diesen Jubel durchdringt wohl nur derjenige wirklich, der in der Region vor über sieben Jahrzehnten gelebt hat oder immer noch lebt. Hüben wie drüben. Das Kino von dort oder über dieses Stück Welt war im Fiktionalen wie Dokumentarischen immer dann am stärksten, wenn es sich dem Reflex verweigert und eigene Tiefe in Themen gefunden hat. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund tat Regisseurin, Autorin und Schauspielerin Cherien Dabis, 1976 in den USA mit palästinensischem Wurzeln geboren, gut daran, ihren Streifen vor dem Dreh und nach dem 7. Oktober 2023 inhaltlich nicht komplett neu zu denken und zu fühlen, ihn nicht angestrengt in einen dann faulen Kompromiss zu führen. Dabis sagt, sie verweigere sich Film als „Reaktion auf Schlagzeilen“, sieht ihn als „Antwort auf menschliche Erfahrung“. Sie habe aber den Ton von Schlüsselszenen überdacht, mehr Stille und Ambivalenz zugelassen, Raum für Trauer und Schmerz. Das und die Sprachlosigkeit an sich geben IM SCHATTEN DES ORANGENBAUMS seine Kraft. Nicht als Kurs in Politik oder Völkerkunde, sondern als Lektion in Liebe.
Das Werk steht jetzt in der Reihe mit Generationsfilmen. Von 1948 bis 2022 besieht sich Cherien Dabis die Familie von Sharif, einem jungen Vater, der zum Großvater wird, beginnend in Jaffa, dann im Westjordanland, vom Frieden in den Krieg, von der Freiheit in die Besatzung, vom Verlust in die immerwährende Hoffnung. Dabis setzt auf starkes Schauspiel, eindrückliche Bilder, den Reigen, das Ringen um Werte für die Heranwachsenden. Sie kreist um das Konstrukt dieser kleinen Menschenzelle, vermeidet exemplarische Massenszenen, zurrt die Handlung mit Sharifs Sohn Salim, dessen Frau Hanan und Sohn Noor fester und behandelt dort ausführlicher die großen Komplexe, die um Demütigung und Tod keinen Bogen machen können, allerdings das Plakative auszuschalten suchen. Das gilt auch für eine essenzielle, hier freilich zu verschweigende (Herz-)Stelle im Drama, die hätte durchaus zum Kipp-Punkt der Glaubwürdigkeit führen können. Doch Cherien Dabis beweist ein weiteres, entscheidendes Mal Gespür für den Fokus ihrer Geschichte: palästinensische Sichtbarkeit.
Mehr als eine Randnotiz: In Dresden gab es jüngst eine Ausstellung mit Kinderzeichnungen aus Gaza, auch ein Solidaritätskonzert für Gaza im Zentralwerk. Mindestens ein Organisator wurde um Umfeld beschuldigt, er sei ein Antisemit ...

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