Körners Corner - schreiben über Film


20. Januar 2025

Die letzte Zigarette – Zum Tod von David Lynch

Die Nachrufe sind geschrieben und versendet. Kein Medium, das in Sachen Film und Kultur noch etwas auf sich hält, kam am Tod von David Lynch vorbei. Jedes zweite Wort dabei war „Kultregisseur“. Bitteschön, dann soll es so sein! Ich hätte, mit allem Augenzwinkern, ein anderes Wort zu bieten: Stararchitekt. Denn den Fokus des am 15. Januar verstorbenen US-amerikanischen Multikönners allein auf seine filmischen Arbeiten zu beschränken, wäre töricht, wenngleich Lynch hier seit den Siebzigerjahren die größte Öffentlichkeit erreicht hat. Das muss gar nicht wiedergekäut werden. Es gab ein ganzes Lynch-Universum und es wird weiter existieren. An dieser Stelle sollen also einfach sehr persönliche Lynch-Momente stehen mit der Option, dass sie vom Leser vielleicht geteilt werden.
Als Einstieg käme ein Buch sehr gut. 1994 ist ein faszinierender Fotoband mit von Filmen losgelösten fotografischen Arbeiten Lynchs sowie Stills aus BLUE VELVET, THE ELEPHANT MAN und anderen erschienen. Titel: IMAGES (Schirmer/Mosel). Es legte sich in den vergangenen Tagen wie von selbst in meine Hand.
Oder Musik plus Bild: Zwei Videos zu Songs, um Brücken zu schlagen: SHOT IN THE BACK OF THE HEAD von Moby (2009)  sowie CAME BACK HAUNTED der Nine Inch Nails (2013). Lynch hat auch Musik gemacht. War sein CD-Erstling CRAZY CLOUD TIME (2011) mit 14 Stücken und einer Laufzeit von knapp 70 Minuten noch eher ziellos, so, als gäbe es vielleicht doch kein Morgen im Plattenladen, kam THE BIG DREAM (2013) wesentlich fokussierter daher. Nach Disco-Pop und dunkel mäandernden Instrumentalklängen wurde der Schepper-Blues jetzt Programm. David Lynch ließ seine Stimme durchgehend modulieren, also verfremdet wie aus Gießkannen und Kabelschächten klingen, doch die Texte waren überraschend klar und folgten nicht unbedingt dem Zwang der Entschlüsselung, an den man sich bei ihm schon gewöhnt hatte, egal, ob er Kurz- und Langfilme geschaffen hat, gemalt, fotografiert oder installiert.
Es ist eine Platte, die in ihrer wabernden Nebelstimmung phasenweise klingt, als sei der Geist John Lee Hookers zu Halloween aus einem Kürbiskopf gekrochen: Rumpel ohne Stilzchen, schöne fuzzy E-Gitarren und flimmernde Licks kommen von Lynch zumeist aus dem Schoß gespielt und in memoriam TWIN PEAKS, obwohl er auch ruppig kann. Den alten Zauber, als Lynch die E-Gitarre nicht als Instrument wahrnahm, sondern als „Gerät für experimentelle Sounds“, war einer wirklich ernsthaften Arbeit an den Saiten gewichen. Und: Nach Karen O von den Yeah Yeah Yeah’s holte er für den femininen Gesangspart die Schwedin Lykke Li ins Studio. Man zeigte sich überrascht ob der Entscheidung. Weitere Überraschung: Lynch covert Dylan. Antisänger adaptiert Antisänger mit einer gespenstischen Version von „The Ballad Of Hollis Brown“.
Dann diese Überraschung: Ein Lynch war 1999 plötzlich nicht mehr nur die Maßeinheit für surreale Unaussprechlichkeit. Er drehte - ein Roadmovie. Bezeichnenderweise arbeitete er auch für diesen Streifen mit dem Kern seiner früheren Teams zusammen, mit Mary Sweeney (Schnitt, Drehbuch), Freddie Francis (Kamera), Jack Fisk (Art-Direction), Angelo Badalamenti (Soundtrack). In THE STRAIGHT STORY offenbart Lynch entwaffnendes Gefühl für Balance. Er verwechselt in diesem Brüder-Traktor-Begegnungsfilm Ruhe nicht mit Belanglosigkeit, Rührung nicht mit Kitsch, Menschlichkeit nicht mit dem Ich-muss-ja-Helfen. Mit Richard Farnsworth (1920-2000) zeigt er final einen grandiosen, eher unterbelichteten Schauspieler und mit dem kleinen und doch so wichtigen Kapitel eines Landeis die kraftvolle Metapher vom Wunsch nach erfülltem Sterben. Richard Farnsworth sagte über THE STRAIGHT STORY: ,,Das wird ein Film sein, auf den man stolz ist, wenn man mit seinen Kindern ins Kino geht. Es gibt kein einziges Schimpfwort. Ich bin schon lange im Geschäft und weiß, dies hier ist etwas ganz Besonderes.“
Auch wegen Harry Dean Stanton (1926-2017) als personifizierte Brücke zu einem nächsten Werk, das in einem entscheidenden Moment von David Lynch lebt, obwohl es nicht von ihm ist, „nur“ mit ihm: LUCKY (2017) von John Carroll Lynch (nicht verwandt mit David). Ein 91-Jähriger verkörpert einen 90-Jährigen. „Harry Dean Stanton i s t Lucky”, steht schon im Vorspann. „Realismus ist eine Sache“, sagt der Typ. „Es ist die Praxis, eine Situation so zu akzeptieren wie sie ist, und die Bereitschaft, entsprechend mit ihr umzugehen.“ Beispielsweise wenn eine Schildkröte namens Mr. Roosevelt ausbüxt. Was für eine Szene, als ein Mann namens Howard vor versammelter Kneipen-Runde ein tränennahes Plädoyer für die Freundschaft zwischen Mensch und (Land-)Schildkröte hält. Kein Geringerer als David Lynch spielt diesen Howard und verneigt sich vor Harry Dean Stanton, einem seiner persönlichen Schauspiel-Helden. Es ist Freundschaftsdienst und Ehrerweisung. LUCKY mutet an wie ein Bündel poetischer Momentaufnahmen, die Weisheit atmen und an der Schönheit des schlichten Lebens nippen. Ein zart melancholischer, wärmend komischer, karg betexteter Ruhepol inmitten all der Hackschnittware des Kinos.
Bliebe die Sache mit der Überschrift dieses Textes. Im Normalfall wäre sie anmaßend, übergriffig, despektierlich, wenig respektvoll. Doch David Lynch selbst hat seit über einem Jahr an der Chronik seines angekündigten Todes geschrieben, indem er sehr deutlich über sein Lungenemphysem sprach und noch deutlicher darüber, was diese Krankheit verursacht hat: starkes Rauchen seit Kindertagen.
David Lynch wurde fast 79. Er war Regisseur, Designer, Maler, Fotograf, Komponist, Musiker, Clubbesitzer, Schauspieler und am Ende also sogar noch - Botschafter.

Post für Andreas Körner