Körners Corner - schreiben über Film


17. Januar 2025

Nichts Ernstes? Von wegen!

Natürlich wird das Epizentrum Schule in Theater und (Dokumentar- und Spielfilm-)Kino gern als zentraler Handlungsort hergenommen, weil dort die allzu menschlichen Dinge eben so wunderbar kulminieren. Zuletzt buhlten DAS LEHRERZIMMER, FAVORITEN, RADICAL und EINE ERKLÄRUNG FÜR ALLES erfolgreich um Interesse, demnächst kommen WILLKOMMEN IN BERGEN (ein Lehrer geht in die italienische Provinz, um eine Dorfschule zu retten) sowie LOUISE UND DIE SCHULE DER FREIHEIT (eine Lehrerin geht in die französische Provinz, um eine Schule zu gründen) auf die Leinwände.
Und jetzt schon ARMAND. Im Langfilm-Regiedebüt des Norwegers Halfdan Ullmann Tøndel wird es knapp vor den Sommerferien noch einmal frostig, der Lernort wird zum Tatort, doch genau das wäre schon mal die erste vage Fährte. Bis vor kurzem hieß ARMAND im deutschsprachigen Verleihgebiet noch „Elternabend“, was im herkömmlichen Sinne „vertitelt“ war, denn sehr viel mehr als sechs Personen, frontenfair verteilt, wird dieses aufregende, in all seinen Ambitionen transparente Kammerspiel nicht zeigen. Es zirkuliert komplett in einer norwegischen Schule, in Zimmern und Kabinetten und Gängen, am Schluss auf dem Hof und Kinder huschen nur am Anfang kurz durchs Bild. Kinder sind ja auch nicht das Problem der Pädagogik, es sind die Eltern.
Elisabeth – mit Renate Reinsve, einem d e r Gesichter im neuen europäischen Kino besetzt –wurde einbestellt. Sie kommt nicht, nein, sie erscheint im Flur mit trendigem Trenchcoat und lautem Stechschritt, die pompösen Ohrringe blieben im Auto. Sunna, die junge Klassenlehrerin ihres Sohnes Armand, versichert mehr verängstigt als beruhigend, es sei nichts Ernstes. Von wegen! Da sollte man sie nach zwei Stunden besser erneut befragen. Nüchtern wollte sie die Sache angehen, jetzt dreht Sunna der Kopf. Doch nicht nur sie steht unter Druck, auch Direktor Jarle und Ajsa, von der gar nicht recht klar ist, welche Rolle sie im Gremium belegt. Dass ihr zweimal zu viel die Nase blutet, könnte Bände sprechen.
Drei gegen eins wäre ungerecht. Anders und Sarah, Zuzweiterziehende ihres Sohnes Jon, kommen hinzu, sie haben diese Aussprache initiiert. Oder angezettelt? Lassen wir es besser mit den Fährten, den vagen, falschen und vermeintlich richtigen! Zusammen mit Regisseur Halfdan Ullmann Tøndel durchmisst der wache Cineast am besten ohne Geh- und Sehhilfe dieses Kinostück.
Denn als man sich schon so hübsch in einem optisch grobkörnigen und akustisch vibrierenden, extrem präzise inszenierten und genauso gespielten Diskursdrama über die Mächte und Ohnmächte schulischer und heimischer Erziehung eingerichtet zu haben glaubt, rauscht ARMAND zur Hälfte hin mit vollem Speed in neue Tonarten. Es wird so richtig absurd, wo es bereits beißend war, komisch, wo der Ernst die Lage regierte, surreal, als die Räume dringend nach Durchlüftung wimmerten, choreografiert, als die Körper ihre verordnete Starre lösten. Eines aber bleibt der Film: zwingend. Manchmal ist Fiktion eben so überhaupt nicht ausgedacht.
Dass es sich bei Armand und Jon um Sechsjährige handelt, wurde noch hier nicht erwähnt, oder? Und auch nicht, was zwischen beiden „vorgefallen“ ist. Gut so!

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